Patrick Holtheuer, 04.08.2015

Patrick-Holtheuer

Thomas Rippert: Hallo Patrick, schön das Du die Zeit gefunden hast ein paar Fragen zu beantworten.

Du bist eines der legendären Kassettenkinder, hast in der Vergangenheit durch Rezensionen zu Hörspielen und Hörbüchern für Aufsehen gesorgt und produzierst seit 2010 selbst Hörspiele.

Kannst Du kurz zusammen fassen, wie sich das ganze für dich seit 2010 entwickelt hat?

Patrick Holtheuer: Hallo Thomas,

habe ich wirklich für Aufsehen gesorgt? Naja, vielleicht eher für eine paar böse Mails in meine Richtung. Die kamen dann von Verlagen, Labels, Sprechern (erst die Tage kam eine Mail von einem Nachwuchssprecher in unglaublich schlechtem Deutsch rein. Ich hätte ihn damals als Kind so hart kritisiert, der Junge hätte tagelang geweint.), Produzenten und und und, aber wenn man sich mal anschaut, dass ich das so um die 15 Jahre gemacht habe, war der Wirbel doch erfreulich gering. Die Mehrheit musste die Kröte dann wohl doch schlucken und Unrecht schien ich auch nicht gehabt zu haben.

Wie dem auch sei, Ende 2010 ging es dann los, ich hatte mich kurz zuvor selbständig gemacht, mein eigenes Label Audionarchie gegründet und dachte mir, dass ich jetzt selber mal produziere. Warum auch nicht?

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Thomas Rippert: Wie bist Du darauf gekommen Psycho-Thriller anzubieten, obwohl die Verkaufsschlager im deutschen Hörspiel ja eher Gruseltrash-Anthologien, Geisterjäger und Koma-Krimis wie Sherlock Holmes sind?

Patrick Holtheuer: Da ja vorher nie jemand Psychothriller-Hörspiele gemacht hat, konnte man ja nicht wissen, ob es Verkaufsschlager sind oder nicht. Mich reizte das Genre auch einfach deutlich mehr und ich fragte mich stets, warum es so viele Psychothriller-Hörbücher gibt, aber keine Hörspiele. Diese Lücke wollte ich gezielt schließen und dabei ging es auch gar nicht darum, auf Nummer Sicher zu gehen und irgendeine Gruselreihe mit garantierten Absätzen zu produzieren.

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Thomas Rippert: Nun sind die MindNappings ja neuerdings im Vertrieb von Delta und somit auch flächendeckender im Handel zu finden als bisher. Merkst Du schon etwas davon? Bzw. gibt es Rückmeldungen, welche Du bisher so nicht bekommen hast?

Patrick Holtheuer: Viel kann ich dazu noch nicht sagen, da ich noch keine Zahlen erhalten habe, aber ich bekomme hier und da immer wieder Rückmeldungen, dass die CDs gesichtet worden sind und wohl auch gekauft werden. Das ist schon ein Fortschritt und ich denke, dass die Verkaufszahlen steigen werden. Gehen wir also mal davon aus, dass die Entwicklung positiv ist und sich die Reihe nach einem mächtigen Anlauf endlich rechnen wird.

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Thomas Rippert: Nun arbeitest Du ja nicht nur für deine Audionarchie, sondern stellt auch Auftragsarbeiten für andere Label her. Hast Du bisher schon einmal Mindnapping durch diese Einkommensquelle nachfinanzieren müssen und wie stehst Du zum Thema „Crowdfunding“?.

Patrick Holtheuer: Nicht nur einmal, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Von Crowdfunding halte ich nichts. Entweder hat man das Geld, um etwas zu produzieren oder man lässt es sein. Wenn man dann doch meint, ein CF veranstalten zu müssen, dann sollte man dafür auch zügig etwas bieten und nicht die „Gelder verschleppen“. Was der eine oder andere Kollege da gerade macht, sagt mir nicht wirklich zu. Es ist auch eine Entwicklung, die allgemein nicht begrüßenswert ist. Hans und Franz meinen jetzt ein CF aufziehen zu müssen, selbst wenn es nur um eine lapidare CD-Pressung geht und es werden irre Summen aufgerufen. Leute, arbeitet doch mal für euer Geld, wie wäre das? Oder will man euch keines geben? Darüber sollte man dann mal nachdenken. Es schadet letztendlich nur, sowohl der Branche, als auch den Personen selbst, aber ob die das überhaupt merken steht auf einem anderen Zettel.

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Thomas Rippert: Wie gehst Du mit den Kritiken um, welche ja auch gerade den neuen „Gespenster-Krimi“ entgegen geweht sind? Da ist die Rede von „Rassismus“, „Pornographie“ und ähnlichen Dingen, mit denen scheinbar ein Teil der Internethörspielgemeinde nicht umgehen kann!

Patrick Holtheuer: Das sind keine Kritiken, sondern stumpfes Gepöbel von irgendwelchen Neidern und Stänkerern. Was unterm Strich raus kommt ist interessant, das sind starke, hervorragende Verkaufszahlen. Es wird ja auch viel gejammert, dass Oliver Döring die Reihe nicht fortführt etc., aber auch das interessiert mich nicht. Christoph Piasecki und ich arbeiten gerade schwer daran, dass unsere Reihe die alte gegen Ende des Jahres überholt haben wird. Der eine oder andere kann das nicht ertragen und bewirft uns deshalb mit Schmutz, setzt Gerüchte in die Welt und erfindet dann halt was, um uns zu schaden. Aber auch das wird uns nicht aufhalten.

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Thomas Rippert: Klingt so, als würde die Maschine laufen!

Wie steht es bei dir mit dem Thema „Kundenbetreuung“?

Der Fan an sich fordert ja stets vehement Informationen, doch wird mit denen dann nicht immer wirklich klug umgegangen. So vertreiben sich, meiner Meinung nach, die Fans den Goodwill der Macher und bekommen die Infos nur noch aus sozialen Netzwerken, wie Facebook.

Würdest Du heutzutage noch offene Forenkommunikation betreiben?

Patrick Holtheuer: Das mache ich ja auch, eigentlich per se, wenn man ein Forum wie die Hörspiel-Freunde hat, dann sowieso. Wenn Fragen kommen, beantworte ich sie, wenn keine kommen, auch gut. In anderen Foren bin ich aber nicht mehr aktiv, das gibt mir einfach nichts mehr. Es hat teilweise auch was davon, sich bei jedem Beitrag rechtfertigen zu müssen und es schlägt einem ein Verhalten entgegen, als würden Käufer auch Labelanteile erwerben. Ich will nicht sagen, dass das auf alle Fans in den Foren zutrifft, aber die paar, die einen laut anschreien, reichen aus, um einen zu vergraulen. Dafür mache ich das nicht, dafür produziere ich nicht. Ich will mich nicht für das was ich liebe, rechtfertigen müssen, das geht einfach zu weit.

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Thomas Rippert: Ganz meine Meinung!

Nun bin ich ja bekannt dafür zumeist abfällig über reinrassige „Hörspieler“ und „Kassettenkinder“ zu schwadronieren. Du selbst bist ja ein bekennendes Kassettenkind.

Stört es dich wenn man solche Bezeichnungen pauschalisiert, so wie ich das gerne tue, und die Hardcore-Kassettenkinder, welche in der Vergangenheit hängen geblieben sind, mit den existierenden Neuzeit-Realisten des Hobbys über einen Kamm schert?

Patrick Holtheuer: Sicher stört mich das, denn warum sollte man überhaupt Leute über einen Kamm scheren?

Wer in der Vergangenheit hängen geblieben ist, der wird durch meine Produktionen vermutlich eh nicht angesprochen.

Ich selber bin bekennendes Kassenettenkind, das lässt sich ja auch nicht leugnen und ich wüsste auch nicht, warum ich das tun sollte. Ich bin mit Hörspielen in den 80ern aufgewachsen, ohne die wäre ich vermutlich heutzutage nicht Produzent geworden. Man sollte es aber auch nicht übertreiben und krampfhaft alles auf retro machen oder nur noch vergangene Dinge fortsetzen, das ist doch nur eine Form des Wiederkäuens. Das mag hier und da mal ganz witzig sein, dann reicht es aber auch, wie ich finde.

Ich bin eher jemand, der sich gerne an das Beste aus der jeweiligen Epoche erinnert und man kann sich für die eigenen Produktionen ja die besten Punkte daraus ziehen und dementsprechend vorgehen und etwas Neues kreieren. Aber einfach nur Vergangenes nachäffen, das wäre mir persönlich auf Dauer zu langweilig und nicht meine Welt. Dosiert man sich alles, dürfte man auch mehr davon haben.

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Thomas Rippert: Das deutsche Hörspiel ist tot, es lebe das deutsche Hörspiel. Wie siehst Du deine Zukunft als Produzent und wie schätzt Du die Chancen für eine erneute Renaissance des Hörspiel Deutsch ein – in den Bahnen der Jahre vor 2009?

Patrick Holtheuer: Ich glaube einfach, dass sich vieles nur verlagert hat und es dem Markt gar nicht so schlecht geht, wie manche behaupten. Klar, der eine oder andere produziert vielleicht auch nur am Markt vorbei oder die Produktionen sind zu schlecht, so dass die mageren Verkaufszahlen darauf zurück zu führen sind. Das ist alles im Bereich des Möglichen. Das Hauptproblem ist wohl eher, dass zu viele etwas vom Hörspielkuchen abhaben wollen, ihre Tortenheber aber eher verrostet sind und so dem Kuchen an sich einen faden Beigeschmack verleihen. Diese Köche sollte man dann aus der Küche entfernen, wenn sie es nicht von selbst tun.

Meine Zukunft ist aktuell recht sicher und ich habe massig zu tun, von daher kann und will ich mich nicht beschweren. Was ich im Jahr abliefere könnte manchem Fan voll und ganz genügen, um damit über die Runden zu kommen, ohne von anderen Verlagen und Labels noch was zu hören. Ergo scheint ja Bedarf da zu sein und dem Markt geht es nicht so schlecht, wie er von einigen Kollegen dargestellt wird.

Ob es eine Renaissance geben wird…gute Frage, das kann ich so nicht sagen, aber vielleicht befinden wir uns ja schon mittendrin und merken es nur nicht so richtig. Zählt man mal zusammen, was alles angeboten wird und in welcher Darreichungsform (CD, MC, MP3, Stream, Vinyl), dann dürfte das alles sein, nur nicht schlecht.

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Thomas Rippert: Positiv in die Zukunft schauen und weiter gute Hörspiele bauen!

Als abschließende Frage noch: Was wünscht sich das Kassettenkind in dir hobbytechnisch für die kommenden Monate?

Patrick Holtheuer: Jetzt wird es vermutlich einen Aufschrei der Entrüstung geben, aber hobbytechnisch interessiere ich mich mehr oder weniger nur noch für den Filmbereich, was in Sachen Hörspiel abgeht enthalte ich mich, da höre ich zu 99% eh nur noch meine eigenen Sachen, wenn sie abgenommen werden müssen. Ab und zu mal was klassisches zum Einschlafen, das war es auch schon. In der Hinsicht hat das Kassettenkind also eigentlich alles was es braucht.

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Thomas Rippert: Dann danke ich dir für deine Zeit und hoffe das noch viel aus deiner Werkstatt zu hören sein wird!

Patrick Holtheuer: Bitte, gern geschehen. Bleibt der Audionarchie treu und kauft auch brav alle meine Auftragsproduktionen!

Soundsystem-BLAU

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.