HUMANEMY – ist der Hörspielmensch sein ärgster Feind?

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ – Albert EinsteinHumanemy Logo

Nach 13 Jahren intensiverem Hörspielhören und dem mittlerweile recht großen Abstand zum deutschen Hörspielherstellungskader und dessen Output, blieben wenige Überzeugungen übrig, welche auf lange Sicht bei mir im Regal verweilen werden – ohne sich einer Verwertung durch Rebuy gefährdet zu sehen.

Meistenteils handelt es sich dabei um Produktionen, welche nicht früher als im Jahr 2000 ihr Leben begannen – auch wenn der Großteil davon bereits im großen Hörspielsterben der letzten Jahre wieder zu Grabe getragen wurde.

„Hörspieler“ oder auch „Kassettenkinder“, so wie die fanatischen Hobbyausleber sich selbst nennen, lieben meistenteils nur das Alte und Bekannte, weshalb sich neue Serien auf dem mittlerweile wieder hart umkämpften, sehr geschrumpften, Markt schwer tun und innovativere Produktionen nicht aus dem Nischendasein heraus zu treten vermögen – denn: Was der Hörspielbauer nicht kennt, frisst er nicht und damit kann er sich auch nicht identifizieren.

No More Mutants!Doch gerade diese Werke sind es, die dem deutschen Hörspiel zu einem erwachsenerem Publikum verhelfen könnten, als JustusPeterBob und ihr Törööööö es jemals vermochten. Doch… wie gesagt, auch hier scheint der Bauer an der Macht zu sein – und damit ist noch nicht einmal die fast schon mauerhaft verschlossene Internethörspielfangemeinde angesprochen.

Wenige Produktionen erregen Aufsehen, wenn leider auch nur virtuell, und HUMANEMY gehört für mich dazu, weil sich hier viele Dinge vermischen, die man eigentlich im Hörspieldeutsch nicht vermutet. Um hierbei jetzt nicht zu sehr in medias res zu gehen und zu viel Platz zu verbrauchen, seien hier Links zu meinen Besprechungen der Folgen 1-3 angehängt – wer mag der lese zuerst dies… 01 – Das Chamäleon, 02 – Der Fahrer, 03 – Der Hacker.

Die Brüder Stefan und Thomas Lindner (jaaaaa, der vom SCHANDMAUL, aber um das geht’s hier nicht) sahen die Notwendigkeit dem Science-Fiction Unterfach der „Dark Future“ auch in einem Hörspiel Respekt zu zollen. Die Grundlagen sind recht leicht zu erkennen und werden von den Beiden auch nicht geleugnet, denn ihren Gibson haben sie gelesen und auch nicht mit einem Dick gespart.

Viele – wie auch ich – halten die „Dark Future“ für die realistischste Form der möglichen Zukunftsvarianten, denn das der Mensch sich technisch immer weiter entwickelt und charakterlich dabei nicht zum empathischen Rettungsengel des bekannten Universums aufsteigen wird, ist ein Fakt.

So sind die „Helden“ des Humanemy dann auch alles andere als kuschelige Schrottplatzdetektivkopien und man möchte eigentlich jedem von ihnen eher in die Geschlechtsteile treten, als das man ihr Tun sympathisch empfinden kann.

Gebrüder ThotZwar erzeugen die „Gebrüder Thot“, wie sich Thomas und Stefan selbst nennen, mit ihren Antihelden kein neues Genre, aber immerhin zeigen sie wie man erwachsenes Publikum unterhalten kann, welches sich nicht freiwillig in die oben genannten selbsterwählten Hörspielkonsumenten-Kategorien einordnen will. Da werden Umschnalldildos und Datingagenturen für homosexuelle Neonazis schnell zum gefügelten Synonym für die Intention hinter dem Hörspiel – nämlich auf unkonventionelle Weise zu unterhalten und das Kinderprogramm endgültig zu verlassen.

Wo jeder JustusPeterBob-Enthusiast sofort die nächste Sitzung beim Therapeuten seines Vertrauens beantragen muss um seine gerade humorigst vergewaltige Hörspielheilewelt wieder ins Lot zu bringen, lacht der Sympathisant sich ins mentale Ohrkino ob der hier angebotenen Möglichkeiten buntesten Dramas des subjektiven Kopfkinos.

Und mögen auch den Kennern und Gönnern der Hörspielszene ab 1728 die Ohren vereitern – der Mischmasch aus Profisprechern und Semis steht seine/n Frau/Mann mit wehenden Fahnen im kritischen Gegenwind der Nichtbessermachenkönner. Sicherlich wäre hier und da noch eine Ecke abzufeilen gewesen, um auch die glattgebügeltsten Benjamin Blümchens zu befriedigen, doch würde dies nicht zum Humanemy passen.

Thomas Lindner, Patrick Borlé, Stefan Lindner, Johnny Wittermann, Alex Wesselsky, Staphanie Marin, Ray Brandt, Claudia Urbschat-Mingues, Lukas Lindner, Martin Duckstein, Holly Loose, Christian Brandt, Peter Henrici, Jo Hempel, Simon Pearce, Simone Wolfe, Stefan Baumgartner, Oliver Mink, Stephan Gossen, Heinz Lindner, Cathy Schneider, Rike Stief, Inga Bramm, Nico Geissler, Harald Friedlin, Sascha Schemmer und und und…

Eine Menge an Stimmenholz für eine Produktion die aus privater Tasche finanziert wurde. Man kann nur hoffen das sich die Investition irgendwie rentiert und zumindest die Produktionskosten wieder eingespielt werden. Doch stimmen darüber leider immer noch die Füße der „Die drei Fragezeichen“-Käufer in den Medienmärkten ab, welche sicher nur ungern einmal eine neue Speisekarte aufklappen mögen, ohne zu wissen was sie da verpassen. Oder könnten sie damit gar nicht umgehen?

Ich sprüh´s an jede Häuserwand, das was die (Lindners) machen hat Verstand (vergib mir Ina!). Nicht mit dem Strom in Geisterjägern, dümmlichen Horroranthologienen und dem bereits längst überholten Kassettenangebot versinken – das könnte die Zukunft des „Hörspiel Deutsch“ sein – doch alte Hunde lernen nur schwer neue Kunststücke.

Blah, sing, tröt und fallera: Was verpasst der Nicht-HUMANEMY?

Wer die oben angepriesenen Besprechungen bisher nicht gelesen hat: HUMANEMY, das ist ein geiler Soundtrack gepaart mit einer extrem abgefuckten Geschichte und versüßt mit einem Sprechercast der wirklich jeden feuchten Traum befriedigen kann. Und die Soundeffekte erst. Hatte ich schon den geilen Soundtrack erwähnt?

Kurz = HUMANEMY: Get in and stay there till the fat lady sings!!!

Hatte ich eigentlich schon den geilen Soundtrack erwähnt und das dieser der vierten Folge „Die Artillerie“ beiliegt?

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Die Welt, welche dort erschaffen wird, mag sicher keine erstrebenswerte sein, doch ist sie verdammt nochmal Unterhaltung ohne Wenn und Aber – etwas das 90% der deutschen Hörspielmacher einfach nicht verstehen wollen, subjektiv betrachtet, denn mehr als Unterhaltung erwarte ich nicht.Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.

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