Jump Scare statt Horror? Nein danke!

Während einer Unterhaltung auf Facebook, postete ein Facebookfreund einen Link zu einem Youtube-Video mit dem Titel The Problem with Horror Movies Today. Der Macher, ein Mensch namens Chris Stuckmann, erläutert darin, in wie weit sich die Filmemacher vom wirklichen Horror und Grusel entfernt haben und sich nur noch auf die billigste aller Maschen verlassen – den sogenannten „Jump Scare“.

Mit einer Szene aus John Carpenters „Halloween“ stellt er anschaulich dar, was wirklicher Horror ist. Es handelt sich um die Szene in der Donald Pleasence hinter einem Busch versteckt ein paar Kinder verjagt und sich kurz darauf die Hand des Sheriffs auf seine Schulter legt. Diese Szenen wirkt ohne jede Musik oder gar einen heftigen Soundeffekt. Dem gegenüber stellt Stuckmann danach die selbe Szene mit einem heutzutage üblichen Jump Scare. Sofort verliert die Szene die Spannung und man bekommt vom Nachbeben des ganzen Geschehens nichts mehr mit.

Mir persönlich liegt auch eher der subtile Grusel, welcher nicht immer nur aus psychologischem Horror bestehen muss. Auch ein angedeutetes Monster kann unter gut gemachten Umständen über 2 Stunden hinweg für Unwohlsein beim zusehen vollkommen ausreichend sein. Heutzutage schaffen es nur noch wenige Filme, wirklichen Grusel zu erzeugen.

Dieses Phänomen gibt es auch im deutschen Hörspiel!

Ich schicke sofort vorweg, das dies kein Rant gegen Oliver Döring und seine Art der Hörspielproduktion ist, doch wird er mir hier als das negative Beispiel dienen, denn er bedient sich genau der Mittel, welcher sich die Menschen in Hollywood bedienen – Effekte ohne wirklich eine Geschichte zu präsentieren.

Als Döring im Jahr 2000 mit seinem „John Sinclair“ das deutsche Hörspiel neu erfand, es salonfähig und erwachsen machte, da nutzte er schon den Bombast, welchen man aus Hollywood seit den achtziger Jahren des letzten Jahrtausends gewöhnt war. Es wurde explodiert, gesplattert und jede Folge verging wie im Fluge beim lauten und bunten Treiben.

Damals jammerten die Puristen, das ja die Sinclairs des Tonstudios Braun wesentlich gruseliger gewesen wären und Döring das nicht gut umsetzen würde. Das empfand nicht nur ich als Bullshit, denn die Dinger von TSB waren kurz nach ihrer Produktion bereits Realsatire und höchstens in der Lage einem Zehnjährigen das Angstpipi in die Augen zu treiben.

Was Döring damals machte, verhalf dem Medium Hörspiel zu einer Renaissance, ohne die es wirkliche Perlen im Horrorgenre niemals gegeben hätte – zumindest behaupte ich dies einfach mal dreist in die Gegend.

Heute wird Döring immer noch von seiner Fanbase als Produzentengott angesehen, obwohl er sich nur noch selbst kopiert und seinen Biss verloren hat – respektive den Jump Scare als Allheilmittel für dünne Storys nach wie vor präferiert.

Hörspiele als Einschlafhilfe sind für viele das Nonplusultra. Ich zähle mich selbst dazu, denn sie blenden so herrlich meinen Tinnitus aus, bis das ich so müde bin ihn zu ignorieren und damit einfacher in Morpheus Arme finde.

Nun eignen sich vielleicht Gruselhörspiele, oder Horror, nicht wirklich zum einschlafen?

Klar, aber auch hier gibt es Unterschiede!

Schläft man bei einem John Sinclair von Olver Döring nicht ein, liegt es nicht an der Spannung welche aufgebaut wird oder am vorherrschenden Grusel – es sind die Wäämms, die Bämms und die Thankyoumääms, welche einen immer wieder hoch jagen obwohl man gerade im Zuge der ansonsten öden Story schon fast vollkommen weg gedöst war.

Da hält einen der Jump Scare wach, aber nicht die Intensität dessen, was gerade aufgeführt wird.

PSI-Akten-02Anders verhält es sich mit Produktionen wie „Das Lufer Haus“ von Kai Schwind oder „Burning Grace“ von Simeon Hrissomallis – um jetzt nur zwei Beispiele zu nennen.

Beide Produktionen sind in der Lage den Zuhörer durch die aufgebaute Spannung wach zu halten. Sicherlich gibt es hier und da auch mal einen Moment in dem die Lautstärke angehoben wird, doch können beide Produktionen durch gerade den ruhigen Ton ihrer Inszenierung punkten.

Im amerikanischen Podcastbereich gibt es viele solcher Beispiele und gerade die alte Tante BBC versteht sich vortrefflich auf Horrorhörspiele, welchen einen sogar dazu bringen können, den erhofften Schlaf zuerst einmal ad acta zu legen.

Wer die Möglichkeit hatte „Bad Memories“ von Julian Simpson zu hören, der weiß wovon ich spreche. BM ist wohl mit eines der verstörendsten Hörspiele, welches sich jemals in meine Ohren geschlichen hat

Simpson, wie auch Schwindt und Hrissomallis, arbeiten mit geringsten Mitteln und erzeugen dennoch Spannung und eine Beklemmung beim hören, welche man nicht oft findet. Hier mal ein unterdrücktes Lachen mit Widerhall, da mal ein Windzug der eigentlich gar nicht da sein kann, dort Protagonisten die sich selbst mehr Schaden als Nutzen um sich im Gruselgeschehen zurecht zu finden.

Welche Art der Produktion höre ich persönlich denn nun öfter?

Ich bevorzuge die leisere Gangart und habe Lufer, Grace und die Memories schon öfter gehört, als ich nachhalten kann. Einen Sinclair höre ich einmal, denn dann ist die Luft raus, bei einem „Lufer Haus“ kann ich mich immer wieder herrlich entsetzen lassen, auch wenn ich die Auflösung in drei verschiedenen Stimmlagen mitsingen kann.Lufer-Haus

Jedem das seine, das ist Fakt, aber für mich ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Macher darauf achtet etwas herzustellen das sich nicht nur selbst auf billige Effekthascherei reduziert. Wer es schafft subjektiv mit den Ängsten eines Menschen zu spielen, um ihm so die Unterhaltung zu verschaffen, welche gerade gewünscht ist, der leistet in meinen Ohren mehr als jemand der in einer ruhigen Phase eine Explosion, ein angreifendes Schreimonster oder sonst irgendwelche lauten Störungen einbaut.

Nach einer gewissen Zeit weiß man das jetzt wieder ein BOOM oder ein SLASH oder ein ARGH kommt und somit ist die Spannung eh flöten, denn es schockt mehr, wenn man nicht damit rechnet, oder es sich über längere Zeit hinweg aufgebaut hat. Wenn ich dennoch einen Jump Scare benötige, schaue ich einfach in den Spiegel.

Leider werden vom Fandom viele Sachen zu hoch gepushed, welche einen eher geringeren Anspruch an eben solche Dinge wie „Horror ohne Lautstärke“ haben und die leisen Produktionen verhallen teilweise fast ungehört im Gebrüll der Hollywoodkino-Explosionen.

Mehr „Halloween“ oder einen „Babadook“, statt immer nur der gleiche Boom und Splatt-Einheitsbrei, das würde ich mir wünschen, dann dann klappts auch mit dem Hörer. 😀

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.

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