Hinter den Winkeln (Fred Ink / Eigenverlag)

Die Endzeit ist angebrochen – und niemand bemerkt es.

Nur vier Personen können das Blatt noch wenden: eine schüchterne Autorin, deren Manuskript sich auf grauenhafte Weise verändert, ein vom Pech verfolgter Privatschnüffler, der einem okkulten Buch auf der Spur ist, ein mit einem fürchterlichen Mal gezeichneter Traumreisender sowie eine knallharte Söldnerin, die Jagd auf unaussprechliche Schrecken macht. Sie wissen nichts voneinander, befinden sich noch nicht einmal am gleichen Ort, und doch sind sie Teil derselben Mission.
Jeder von ihnen wird in einen Strudel entsetzlicher Ereignisse gesogen, erlebt seinen ganz persönlichen Albtraum und muss darum kämpfen, nicht komplett den Verstand zu verlieren. Ihre Abenteuer führen sie ins beschauliche Neuengland, in die Urwälder Kolumbiens und auf das karibische Meer, doch dort endet die Reise nicht. Denn die größten Schrecken lauern jenseits der Grenzen dieser Welt – hinter den Winkeln.

Tom: Du, Fred, ich hab nixx mehr zu lesen, hast Du vielleicht was für mich?

Fred: Hier, mein neues Buch „Hinter den Winkeln“. Könnte dir gefallen!

Kurze Zeit später!

Tom: Fred, ich wollte EIN Buch und nicht gleich VIER!

Verwirrt? Gut!

Um das alles aufzulösen, braucht es ein wenig Fingerspitzengefühl in den Formulierungen, denn ich möchte nicht zu viel von der Story an sich verraten.

Zuerst einmal sind da die vier Misfits, welche den Lauf des Buches in ihren eigenen Geschichten bestimmen. Agnes, die Schriftstellerin, welche ein Manuskript verfasst hat, an das sie sich so nicht wirklich erinnern kann. Walter, der Ex-Cop, welcher sich mehr schlecht als Recht als Privatschnüffler verdingt und dem ein seltsamer Fall angetragen wird. Mark, der in der Psychiatrie versucht seine seltsamen Erscheinungen in den Griff zu bekommen und die Welt vor sich zu beschützen. Und Florence, die Söldnerin, welcher versucht einen gefallenen Kameraden zu rächen, aber bei der Suche nach dem Schuldigen in eine Welt gerät, die sie an ihrem Verstand zweifeln lässt.

Klingt nach vier verschiedenen Geschichten an sich? Ja, denn das sind sie auch, und trotzdem hängen sie alle sehr eng miteinander verwoben zusammen.

Zwar steht auf dem hinteren Klappendeckel „Die Endzeit ist angebrochen“, doch sollte man hier keinen Endzeitroman in Form einer Dystopie erwarten, denn dann wird man enttäuscht werden. Die hier erwähnte Endzeit dreht sich um vollkommen andere Dinge als die Apokalypse an sich, wobei auch das wieder nicht ganz richtig formuliert ist! „Hinter den Winkeln“ in eine genretypische Schublade zu stecken ist vollkommen unmöglich.

Die Geschichte um Agnes ist Horror, die um Mark ist Fantasy, die um Walter ist eine lovecraftsche PI-Story und die um Florence ist Science-Fiction. Und auch wenn das vollkommen durcheinander klingt, so schafft Fred Ink es dennoch diese vier Genres in Einklang miteinander schwingen zu lassen.

Die Schraubfeder der Spannung wird zuerst nur recht langsam angezogen, doch nach circa 2/3 des Buches ist Ink an dem Punkt angekommen, an dem er die Anteile von Brutalität und Ekelfaktor extrem anzieht. Verständlich, denn zu diesem Zeitpunkt sind die Helden bereits so tief im Schlamassel, das ich mich bis kurz vor dem Ende wirklich fragte, wie Ink die vier Erzählstränge denn nun zusammenführen würde.

Auch wenn die vier Ebenen unterschiedlicher nicht sein könnten, so ist deren Zusammenführung am Ende des Buches nicht erzwungen oder gar unlogisch. Alles fügt sich nahtlos zusammen und man hat nicht das Gefühl etwas zu vermissen, denn die Geschichte ist abgeschlossen, auch wenn es einen losen Faden gibt, der aber für das Seelenheil des Lesers nicht wirklich unbedingt aufgerollt werden müsste.

Am verständlichsten könnte ich erklären was mich während des lesen umgetrieben hat indem ich den Vergleich mit Michael Moorcocks Saga um den ewigen Helden ziehen würde. Und dies sage ich, ohne den Altvater der psychedelischen Fantasy damit herabwürdigen zu wollen. Ink schafft es, in diesen einen Roman so viele Dinge hineinzupacken – ohne das es wohlgemerkt überfüllt wirkt – wie Moorcock es in den vielen Büchern um seinen ewig inkarnierenden Weltenretter vermochte. Auch ist seine Sprache sehr angenehm und verfällt nicht in humorig wirkenden Pathos, da er sich auf das beschränkt, was den Leser da abholt – oder zumindest war es bei mir so – wo er abgeholt werden möchte.

Erneut ist mir da ein kleines Juwel in die Buchsammlung gespült worden, welches meines Erachtens nach viel Aufmerksamkeit verdient hat. Wer also nicht vor gut vereinten Genremixen zurückschreckt, sollte hier definitiv ein Auge riskieren, denn es lohnt sich!

Eigenverlag

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