Tag des Opritschniks, Der

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Russland, 2027: Das Land hat sich vom Westen abgeschottet, lebt allein vom Gas- und Ölexport, pflegt Handelskontakte nur noch mit China und wird vom »Gossudar«, einem absoluten Alleinherrscher, regiert. Dieser übt seine Macht mit Hilfe der Opritschniki, der »Auserwählten«, aus – einer Leibgarde, die vor keiner Bestialität zurückschreckt. Die Opritschniki sind in roten Limousinen unterwegs, mit Hundeköpfen an den Stoßstangen und Besen am Kofferraum – Symbole dafür, dass jeglicher Widerstand ausgemerzt wird. Zu dieser brutalen und korrupten Elite gehört auch Andrej, dessen Arbeitstag aus Auspeitschung von Intellektuellen und dekadenten Orgien besteht.

Sprecher: Stefan Kaminski

6 CD, Spielzeit: 365 Minuten

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Das Bild, welches Autor Sorokin hier zeichnet, ist nicht wirklich so weit von einer realen Utopie entfernt. Ich möchte der russischen Bevölkerung mit dieser Aussage nicht zu nahe treten denn der Spielplatz der Story wäre beliebig austauschbar, wie die Geschichte ja bereits mehrfach bewiesen hat. Das sich solche totalitären Regime, welche auf der Abschreckung durch Gewalt und der gewollten Verdummung des Volkes beruhen, nicht von ewigem Bestand sind, ist beim hören jedoch auch nicht wirklich ein Trost.

Doch kann Autor Sorokin auch gut verwirren, denn seine Botschaft ist zwar klar, doch nicht ganz so rein angebracht wie man vermuten mag. Er schafft es den politischen Roman, welcher nicht mit Tritten gegen Putin und dessen Ära der Herrschaft spart und die Mitläufer dieser Regierung als Schablonen für die agierenden Personen nutzt, mit einer gehörigen Portion an Brutalität und Action zu würzen, so das sich Zuhörer welche politisch nicht so ganz interessiert sind sicher dazu verleiten lassen könnten dies einfach als „Alles kaputt-Utopie mit seltsam anmutenden literarischen Ansätzen“ ins Regal zu stellen.

Zwischendurch kann man dieses Hörbuch hören, doch wäre dies Verschwendung der Zeit. Man sollte sich auf diese Story schon genug einlassen und ein wenig Recherche zwischen den Kapitel ist auch nicht verkehrt. Die zu weit entfernten Dinge des russischen Alltags, denn wer informiert sich in Deutschland schon genaustens über die Zustände in Russland wenn er damit nur in den 20 Uhr Nachrichten der ARD konfrontiert wird, sind nicht immer nachvollziehbar und ergeben so eher Zerrbilder, welche sich jedoch durch ein wenig Internetgerenne entzerren lassen.

Ich mag mich auch nicht so recht auf die Klassifizierung in die SF-Kategorie einlassen, aber da passt dies alles am besten hin. Was hier vorgeführt wird ist eine Gesellschaftsutopie und auch wenn sie recht wahrscheinlich erscheint. Die Mischung aus gesellschaftlich anklagender Satire und brutalerem Actionroman ist perfekt, wenn auch im russischen Stil, welcher für viele sicher gewöhnungsbedürftig sein sollte da er der Glattheit des US-Vorbildes mehr als entgegen spricht.

Eigentlich ist es unfair jemanden wie Stefan Kaminski überhaupt etwas lesen zu lassen. Dieser Mann ist in der Lage sich akustisch in jeden Menschen, jedes Tier (das dann eventuell sprechen kann), jedes Wesen und sogar jeden toten Gegenstand hinein zu versetzen. So gelingt es ihm dann auch das Flair der Geschichte eines Autors, welcher Mütterchen Russlands Lebensweise schon mit der Muttermilch in sich aufgesogen hat, zu vermitteln und sogar die etwas träge Art der Sprache in den uns vertrauten, nicht in Russisch geschulten Hörer, Singsang zu transportieren. Die Protagonisten sind so skurril dargestellt wie die Geschichte es gebietet und dennoch nicht so überzogen als das sie nicht doch im nächsten Moment vor einem selbst aus der Moskauer Metro steigen könnten. So spiele Kaminski den ebenfalls mit den Begebenheiten, wie der Autor es auch tut und das gesamt Bild ist beeindrucken und ab und zu auch etwas bedrückend.

Ich mag solche Geschichten und deren Umsetzung. Doch sollte derjenige die Finger davon lasse welcher eher die Unbefangenheit der amerikanischen Pendants dieser Gattung Story bevorzugt – für diese Leute hat das hier etwas zu viel Tiefgang…Soundsystem-BLAU

 

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