01 – Das Chamäleon

Humanemy-01Fallen gelassen. Von einem Moment auf den anderen. Eben noch der »Was würden wir nur ohne dich tun-Superagent« und jetzt … ja, was eigentlich? Ohne den Schutz und die Legitimierung der Regierung bin ich einfach nur … ein Mörder! Ich kann ja froh sein, dass da bislang nur ein paar kleingeistige Bullen vor meiner Wohnung rum hängen und die noch keinen meiner lieben Kollegen geschickt haben, der mich ganz einfach ausknipst. Obwohl … vielleicht nimmt mich ja gerade in diesem Moment einer dieser Bastarde ins Visier …

TrennstrichZwei Phrasen, welche zu oft gedroschen werden und dann trotzdem nicht immer stimmen, treffen auf dieses Hörspiel zu:

Erstens: „Empfohlen ab 16 Jahren“ ist ein Stempel, welchen sich viele Hörspiel gerne selbst aufdrücken. Leider ist dieser Stempel zu oft mehr Schein als Sein und vollkommen ohne Substanz. „Humanemy“ drückt sich diesen Stempel ebenfalls auf und beweist bereits in den ersten Spielminuten das dies auch vollkommen zu recht geschieht. Sex and Violence and Rock & Roll…

Phrase Nummer Zwei wäre dann der „Die Spielzeit ging im Flug vorbei“-Kommentar. Auch hier beweist „Humanemy“ das es geht, ohne nur auf Action, Geballere und Tempo zu setzen. Sicherlich bekommt man von diesen Dingen auch genug geboten, doch man reduziert sich nicht darauf.

Selbst die Charakterisierung der Figuren ist interessant und spannend. Es wird zwar nicht viel in Erzählparts erklärt, aber die Geräusche und Handlungen erzählen viel zu jedem der Protagonisten und dessen Fähigkeiten. Cyberpunk-, Dark Future- und Dystopie-Fans – wie ich einer bin – fühlen sich sofort heimisch und auch für Nichtkenner der Genres ist es nicht wirklich problematisch sich Land und Leute recht schnell optisch zurecht zu biegen.

Die Mischung aus Cyberpunk und Hard Boiled-Zwielichttypen ist sehr gelungen und mir bisher so unterhaltsam noch nicht untergekommen. Sicherlich kommen da gewisse Erinnerungen an Radiohörspiele auf, doch diese waren nicht einmal einen Bruchteil so unterhaltend wie die erste Folge „Humanemy“

Die Sprecher liefern recht unterschiedliche Leitungen ab, welche von Profi bis Eher-Nichtprofi variieren. Die Nichtprofis agieren jedoch alle in kleineren Rollen und sind bei den Sprechercredits in dem Bereich untergebracht, welchen ich ohne Brille nicht lesen konnte – 5 Punkt Schrift?

„Das Chamäleon“ selbst wird von Thomas Lindner gesprochen, welcher eine herausragende Leistung abliefert. Lindner verpasst „Lennart“ ein akustisches Charakterprofil, welches sich stets zwischen chandlerschem Hard Boiled und sarkastischem Heldentum voller Selbstüberschätzung hin und her bewegt. „Bones“, ein Operator, wird von Bruder Stefan Lindner interpretiert, welcher in nichts seinem Bruder nach steht. Der Rest des Teams, welches wohl die restlichen drei Episoden zusammen bestreiten wird, wird von Johnny Wittermann und Patrick Borlé gesprochen. Beide ebenfalls gut in der Leistung und besonders Wittermann kauft man seinen Charakter (waffenstarrender Ghetto-Hitman) problemlos ab. An bekannten Namen kann man hier Claudia Urbschat-Mingues verbuchen – kurze Rolle, dennoch ein erinnerungswürdiger Auftritt.

Die Inszenierung ist gelungen und wie schon oben erwähnt unterstützt die Soundkulisse die Handlung perfekt, was bereits in den ersten Minuten klar wird – Thema „Halt mal deine Augen still!“ Die Musik ist nicht immer das, was ich mir einem Hörspiel wünsche, passt aber im Härtegrad recht homogen in den Rest der Akustik.

Mein erstes Hörspiel der Lindenblatt Records und sofort ein Schuss in die richtige Richtung. Sicherlich sind für Puristen und Nitpicker ein paar nicht so perfekte Dinge zu finden, doch der erste „Humanemy“ hat das geschafft, was ich mir von einem guten Hörspiel erwarte: Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Minute…Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.