Claudia Urbschat-Mingues, 06.07.2009

Claudia-Urbschat-Mingues

Jeder kennt ihre Stimme und ihr Name in der Sprecherliste einer Hörspielproduktion ist ein Garant für Qualität. Ich möchte sogar so weit gehen sie als „sexiest femal voice alive“ zu bezeichnen und selbst der STERN betitelte einen Beitrag über sie mit „Der Sex liegt in der Stimme„…und dem wäre (soweit) nichts mehr hinzuzufügen, außer das man sie nicht nur auf die „deutsche Stimme von Angelina Jolie“ reduzieren sollte. Wem jetzt der Name immer noch nichts sagt, der möge sich auf www.claudiaspricht.de die Hörbeispiele zu Gemüte führen.

Claudia Urbschat-Mingues, die wohl meistbeschäftigste Stimme Deutschlands, war so freundlich sich ein paar Fragen über sich und Ihren Job gefallen zu lassen! 😉

Und los geht’s…

Luke Danes: Hallo Claudia. Zuerst einmal vielen Dank, dass Du dir die Zeit nimmst, für eine kleine Plauderei. Die eigentliche Standardfrage wäre, durch die jeder am Anfang muss: „Wie bist Du zum Medium Hörbuch/Hörspiel gekommen?“

Aber hier, bei meinem ersten reinen Sprecherinterview, möchte ich lieber fragen: „Hast Du zum Medium Hörspiel/Hörbuch einen persönlichen Bezug?“

Claudia Urbschat-Mingues: Hallo Thomas, da war ich mal schnell einen Tag beim ZDF in Mainz und schwupp war schon deine erste Frage da…

Huch, was für eine fulminante Einleitung! Ich hoffe, dass sich jetzt nicht zu viele darüber aufregen – schließlich sind die meisten Stimmen im Synchron und Hörspiel klasse und nicht weniger sexy! Und ich bin auch nicht die einzige die jemals Angelina Jolie synchronisiert hat, aber trotzdem vielen Dank für die Lorbeeren.

Natürlich habe ich meinen eigenen persönlichen Bezug zum Hörspiel und der ist eindeutig von Ariola/Europa-Schallplatten aus den siebziger Jahren geprägt. Von Märchenschallplatten über Hui-Buh-Kassetten bis hin zu Hanni und Nanni (wie peinlich ;-)) habe ich damals Hörspiele verschlungen – nicht zuletzt, weil ich wenig fern gesehen habe und mittlerweile nicht mal mehr eine Glotze habe. Aber damals habe ich auch – so wie das heute immer mehr in Mode kommt – die Fernsehserien auf Kassette aufgezeichnet (z.B. Kimba, der kleine weiße Löwe ) und sie mir dann abends heimlich unter der Bettdecke noch mal angehört… Diesen „Schatz“ gibt es immer noch in einer verstaubten Kiste bei meinen Eltern.

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Luke Danes: Ehre wem Ehre gebührt. Und sollte sich jetzt jemand über die Einleitung aufregen, so darf das gerne tun. Ich habe ja den Vorteil hier subjektiv bewerten und agieren zu dürfen. Und wie ich bereits schrieb – eine Reduzierung auf diese paar Fakten funktioniert nicht, da Du ja nicht nur Synchronarbeit und Hörspiel machst, sondern auch singst und schauspielerisch tätig bist.

Du bist also auch eines der so oft beschworenen Kassettenkinder. Hat dich dies (mit) geprägt und deine spätere Berufswahl beeinflusst, oder wie bist Du dazu gekommen den Beruf „Schauspieler“, im weitesten Sinne gesehen, zu ergreifen?

Claudia Urbschat-Mingues: Nun,ja, ich versuche es kurz zu machen. Eigentlich wollte ich Sängerin werden, aber meine Stimme war schon als Kind fast tiefer als jetzt und eine HNO-Ärztin sagte zu meinen Stimmbändern: „Tja, die sind im Eimer, aber es muss ja nicht jeder so schön wie Karel Gott singen.“ Eine niederschmetternde Aussage – vor allem weil die Insuffizienz wirklich nicht heilbar war – aber wer will schon ernsthaft den Biene-Maja-Song singen? Erst mit Anfang zwanzig nach vielen mehr oder weniger erfolgreichen Schauspiel- und Gesangsprojekten, habe ich dann mit einer grandiosen Logopädin meine kaputten Stimmbänder zwar nicht heilen, aber sinnvoll einsetzen gelernt. Damit konnte ich dann endlich an die Schauspielschule gehen, wo ich meine Diplomarbeit über den Unterschied zwischen Synchron- und Theaterarbeit geschrieben habe. Danach war ich noch kurze Zeit am Stadttheater Senftenberg engagiert, habe mich aber gleichzeitig in Berlin um die Sprecharbeit bemüht. Das ist dann auch sehr schnell sehr gut gelaufen.

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Luke Danes: “Schön singen wie Karel Gott“? Naja, die Geschmäcker sind eben subjektiv!

Worin besteht eigentlich der gefühlte Unterschied zwischen der Synchronarbeit und der Arbeit an einem Hörspiel?

Ich, als Laie, vermute mal das man beim Synchron recht fest in die vorgegebenen Figuren gepresst wird, weil die Bildvorgabe ja „nur“ akustisch verständlich unterstützt werden muss. Hat man da Improvisationsmöglichkeiten?

Wie ist es dann bei einer Figur wie, sagen wir mal, „Zephyda“ im Rhodan? Macht es mehr Spaß wenn der Regisseur sagt „Hier ist die grobe Charaktervorgabe. Gib mal Gas und spiel dir den Wolf!“?

Claudia Urbschat-Mingues: Beim Synchron bestimmt tatsächlich die Schauspielerin auf dem Bild, was ich spielen soll, trotzdem habe ich und auch der Regisseur eine eigene Ansicht zur jeweiligen Interpretation. Oft ist es ein Zusammenspiel und gegenseitiges „Befruchten“ bei der Arbeit. Manchmal aber auch anstrengend, wenn die Chemie nicht ganz so stimmt….

Bei Hörspielen gibt eigentlich fast immer die Regie ein Gerüst vor, an dem ich mich entlang hangeln kann und dann wird mehr oder weniger nur noch das Spiel der anderen erklärt oder sogar vorgespielt als Orientierung.

In der Regel ist es ja so, dass ich von den Regisseuren besetzt werde, die meine Art zu arbeiten schon kennen und auch schätzen, also ist der Großteil meiner Arbeit sehr harmonisch. Auch beim Synchron ist es ist wie überall: It takes two to tango!

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Luke Danes: Um einmal kurz auf die Aussage von Dir „…und mittlerweile nicht mal mehr eine Glotze habe.“ zurück zu kommen.

Ist das Desinteresse oder auch eine Art von Selbstschutz?

Gerade im Moment habe ich einmal etwas genauer darauf geachtet wie viele Werbespots mit deiner Stimme veredelt wurden und bei 10 Stück komme ich fast auf die Hälfte davon – jetzt mal grob überschlagen.

Kannst Du dich selber „noch hören“, oder ist das wie bei einem Schauspieler der seine eigenen Filme nicht ansehen möchte?

Claudia Urbschat-Mingues: Desinteresse und Selbstschutz – vor meiner eigenen Stimme habe ich aber keine Angst. (Dass allerdings zehn Werbespots mit mir laufen sollen, wundert mich wirklich! Da sollte ich vielleicht doch mal einen Abend vor einem Apparat verbringen und mitzählen.)

Ich finde fernsehen mittlerweile einfach anstrengend und nervtötend. Ewige Wiederholungen und schlecht gemachte Aneinanderreihung von Banalitäten prasseln da auf einen ein und am Ende ist es vertane Zeit, die mir woanders fehlt. Von den ewigen Werbeunterbrechungen will ich gar nicht reden. Da gehe ich lieber ab und zu ins Kino.

Beim gucken der eigenen Filme fällt mir allerdings immer auf, was ich anders hätte machen sollen oder müssen! Deshalb sehe ich mir eigene Synchronisationen nur in Ausnahmefällen an, meistens weil mich das Thema oder die Machart interessiert.

Wir Synchronschauspieler sehen den Film ja bei der Arbeit nie im Zusammenhang, sondern immer nur kurze Sequenzen – und die sind bei großen Kinoproduktionen oft auch noch unfertig.

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Luke Danes: Was wäre für Dich eine besondere, berufliche Herausforderung?

Claudia Urbschat-Mingues: Nun, ja, als gelernte Schauspielerin liegt der Schwerpunkt natürlich im schauspielerischen Bereich. Theater habe ich gleich nach der Ausbildung gespielt und bin glücklich darüber, muss es aber nicht mehr unbedingt machen; sehr gerne würde ich auch mal wieder vor der Kamera stehen.

Aber in meiner hauptberuflichen Synchrontätigkeit sind mir schon so viele schöne Rollen und interessante Herangehensweisen untergekommen, dass ich es mittlerweile als die größte Herausforderung ansehe, mich in jeder Produktion immer wieder auf das Neue darin einzulassen. Man ist schnell im Schubladen-Denken á la „Ach, so, Zeichentrick, also Stimme verstellen!“ oder „Ach, die Schauspielerin spricht immer so…“ anstatt sich wie ein unbeschriebenes Blatt jedes Mal neu von der Situation auf dem Bildschirm und natürlich auch der Atmosphäre im Atelier inspirieren zu lassen.

Beim Hörspiel ist das sogar oft noch schwieriger, weil man sich dort gern einmal auf schon eingeübte Figuren verlässt – manchmal ist das sogar gewünscht – und dann wird es schnell langweilig; sowohl für einen selbst, als auch für den Zuhörer.

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Luke Danes: Das stimmt. Wenn man zum x-ten Mal nur die selbe Stimme in der Rolle der sexy Fighterin hört, ist das irgendwie doch etwas enervierend. Sicher sind gerade Schauspieler wie Du eine „sichere Bank“ was die Verkaufszahlen angeht, vermute ich mal als Unwissender, aber die Experimentierfreudigkeit lässt da doch zu wünschen übrig.

Ich finde es interessant das Du auch in Punkto Sprechervermittlung aktiv bist und da besonders im fremdsprachigen Bereich. Ich konnte nichts finden, aber: Sind Fremdsprachen dein Steckenpferd oder wie kommt man auf die Idee gerade in dieser Ecke als Voicehunter (nettes Wort, so nebenbei bemerkt) tätig zu werden?

Claudia Urbschat-Mingues: Die Sprecherkartei ist einfach aus Interesse an fremdsprachlichen Nationalitäten entstanden.

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Luke Danes: Eine abschließende Frage hätte ich da noch: Wie bereitest Du dich auf deine Arbeiten vor. Gehst Du das „Buch“ vorher genaustens durch oder lässt Du alles auf dich zukommen?

Claudia Urbschat-Mingues:Beim Synchron gibt es keine klassische Vorbereitung: Man kommt ins Atelier, stellt sich vor das Mikrophon, schlägt den Text auf und los geht´s! Maximal bekommt man noch ein paar kurze Informationen des Dialogbuchautors über die Rolle und den Inhalt des Films. Und so kann man eine mittelgroße Kinorolle schon mal an einem Tag oder sogar nachmittag synchronisieren.

Beim Hörbuch/Hörspiel achte ich schon darauf, dass mir die Bücher vorher zugeschickt werden, damit ich meine Rolle und auch den Inhalt vorher „begutachten“ kann. Natürlich entwickle ich dann meine eigene Interpretation (es gibt ja keine direkte Vorgabe wie beim Film); letztendlich bestimmt aber immer der Regisseur, wie die Figur interpretiert werden soll. Er hat ja auch als einziger den Überblick über das Zusammenspiel der Figuren. Da ich mittlerweile auch die Dialogszenen sowohl beim Synchron als auch beim Hörspiel allein im Studio einspreche und mir meinen Partner vorstellen muss – antworte dann also meistens meinem erdachten Spielpartner. Es ist erstaunlich, wie gut das oft funktioniert und natürlich immer wieder spannend, wie es sich am Ende dann im Zusammenspiel anhört.

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Luke Danes: Dann nochmals vielen Dank, das Du dir die Zeit genommen hast meine Fragen zu beantworten und ich hoffe dich in Zukunft noch oft zu hören!

Claudia Urbschat-Mingues:Vielen Dank für die netten Fragen und ich freue mich, wenn das Interview dem einen oder anderen einen besseren Einblick ins „Synchronleben“ verschafft.Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.