Simeon Hrissomallis (11.06.2017)

Thomas Rippert: Simeon, das ist dann jetzt der Hattrick, den ich mit Interviews führe. Aber ich gehe mal davon aus das Du auch diesmal wieder eine Menge an offenen Worten finden wirst.

Da ich ja nicht mehr wirklich „aktiv“ am täglichen Hörspielszenen-Allerlei teilnehme sind mir die meisten Dinge entgangen – ob jetzt gottseidank oder leider, stelle ich einfach einmal dahin.

Wie steht es im Moment um die „R&B Company“, wie ist der Output bei euch und wie werden die Sachen „draußen“ angenommen?

 

Simeon Hrissomallis: Der Output ist zur Zeit etwas gedrosselt. Ab nächstes Jahr möchten wir wieder etwas mehr Gas geben. Besonders mit Larry Brent. Die Zahlen sind zufriedenstellend, da hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. Alles im grünen Bereich. Stabil.

Beide Serien haben eine starke Fanbase, werden nach wie vor sehr gut angenommen und das freut uns sehr.

Gerade bei FAITH hat sich ja mittlerweile eine kleines Universum entwickelt. Mit Feinden und Freunden. Ich mag das. Bin ja selber ein großer Comic-Fan und orientiere mich auch oft an den „bunten Heftchen“. Man darf allerdings nie den Überblick verlieren. Das war bei der aktuellen Fall-Saga gar nicht so einfach. Aber um desto mehr macht es Spaß und man freut sich über das Endergebnis.

Thomas Rippert: Ich gestehe, das ich mir das anhören des Neunteilers bisher aufgehoben habe um mir dann den kompletten Run in einem Rutsch anhören zu können.

Larry und Faith sind ja zwei (subjektiv) nicht wegzudenkende Produktionen aus der deutschen Hörspielszene. Jedoch scheint mir im Moment eher Stagnation im Wachstum der ganzen Sache zu herrschen.

Hat der damalige Hörspiel-Boom seine Kinder mittlerweile komplett gefressen?

 

Simeon Hrissomallis: Das hast du aber nett gesagt, lieber Thomas…aber ich denke wegzudenken ist JEDE Serie.

Vor kurzem war ich nach langer Zeit mal wieder auf der Seite hoerspiele.de und bin schon fast erschrocken, wie viele Publikationen es in den letzten 15 Jahren gegeben hat. Es gab Anfang der 2000er einen Hörspielboom. Auch mit anständigen Abverkaufszahlen, allerdings war der schon 2005/2006 vorbei. Was wir jetzt erleben ist zwas ein großes Angebot an Serien und Erwachsenenhörspielen, aber ich habe das Gefühl es kann nur noch wenig wirklich begeistern.

Mit Demut blicke ich zurück und freue mich natürlich, dass FAITH mittlerweile im zwölften Jahr erscheint. Bei Larry Brent sind wir bei 5 Jahren und ab nächstes Jahr möchten wir da auch mehr Gas geben.

Die ganz großen Verlage sind ja mehr oder weniger vom „großen“ Hörspielgeschäft ausgestiegen. Es rechnet sich einfach nicht für große Konzerne. Großer Aufwand und hohe Kosten für ein mageres Ergebnis lohnt sich nicht.

Da sind dann die Kleinlabel gefragt, die mit ganz anderen Strukturen arbeiten und auch viel Herzblut in die eigenen Produktionen stecken.

Das Problem in der ganzen Branche ist: es gibt keinen wirklichen Nachwuchs. Es sind nicht die Teennys, 20 oder gar 30jährigen die die heutigen Erwachsenenhörspiele konsumieren sondern Kinder der 60er bis 80er.

Und auch davon sind mittlerweile viele ausgestiegen, entweder weil sie dem Hörspiel überdrüssig geworden sind oder weil ihnen das Medium „nur“ auf CD nicht zusagt.

Wir dürfen alle nicht vergessen, dass es vor einigen Jahren die meisten Publikationen auch als MC gegeben hat für einen sagenhaften Preis von 4,99€!

Als die ersten PSI-Akten 2003 unter Maritim erschienen sind und exklusiv bei Karstadt standen, gab es diese noch als MC! Heute unvorstellbar! Ein gutes Drittel wurde damals als MC umgesetzt. Und ich weiß aus Erfahrung, dass viel „Ex-Fans“ dann nicht mehr bereit waren für Hörspielproduktionen 9,99€ auszugeben. Nicht zu vergessen war der harte Kern der Konsumenten Anfang der 2000er etwas Anfang 30 und die Familienplanung stand vor der Tür. Wenn dann das Geld knapp wird fallen erstmal die ganzen Luxusartikel weg, und zu denen gehört dann auch das Medium Hörspiel.

Ich selber sammle auch nicht mehr so leidenschaftlich wie noch vor 10-15 Jahren. Nicht nur was das Hörspiel angeht. Nicht zu vergessen irgendwann geht auch mal der Platz aus…lach…

Thomas Rippert: Wie gewohnt, ehrliche Worte, denen ich mich so zu 100% anschließen kann. Ich besitze nicht mehr ein einziges Hörspiel auf real existierendem Datenträger. Nachdem ich alles in MP3 verwandelt und katalogisiert hatte, habe ich mich von allen CDs getrennt – was nicht wirklich schwer fiel. Mittlerweile nutze ich nur noch downloadbare Ware über iTunes und Co.. Die paar amerikanischen CDs, welche ich mein eigen nenne, sind eher Exoten – so wie eine CD von „ULTIO“… 😀

Du sprachst die Überalterung der Hörspielkinder ja bereits an.

Wurde man vor 15 Jahren noch mit Kommentaren wie „Na, da wird sich ihr Sohn aber freuen!“ an der Kasse bedacht, wenn man eine ???-CD kaufen wollte, so hat sich das mittlerweile auf Null und Nichtig herunter geregelt, denn selbst die ??? werden nur noch von immer faltiger werdenden Gesichtern gekauft und konsumiert.

Besteht die Gefahr, das dieses Medium mit dem letzten Kassettenkind zu Grabe getragen werden könnte? Wie könnte man diesem Schicksal entgehen und neue Kunden heranziehen?

 

Simeon Hrissomallis: Das ist wirklich eine schwierige Frage. Man hat sich ja in der Vergangenheit viele Gedanken darüber gemacht und auch versucht ungewöhnliche Wege zu gehen. Vor einigen Jahren z.B. gab es von uns zum Gratis Comic Tag kostenlose Hörspiele von uns. Auf CD natürlich. Dann hat man natürlich mit Flyern, Plakaten, Aufklebern gearbeitet. Mit Anzeigen und Rezensionen in Magazinen.

Das Hörspiel zu bewerben ist einfach schwierig. Gerade jungen Menschen gegenüber. In meiner Kindheit, hatten wir noch einen s/w Fernseher OHNE Fernbedienung (die hat man bei DREI Programmen nicht wirklich gebraucht) …und hat viel Zeit auf dem Hof/draußen verbracht. es gab keine Games, kein Internet, kein Smartphone, etc.. Man hat Comics, Romane und Hörspiele konsumiert.

In der heutigen Gesellschaft gibt es einfach viel mehr Möglichkeiten seine Zeit zu verschwenden. Ich schreibe absichtlich VERSCHWENDEN. Wenn ich sehe was manch einer für Zeit am Smartphone verbring. Erschreckend wenn sich Menschen in Lokalen gegenübersitzen und autistisch nur auf ihr Smartphone starren… Gefällt mir nicht… Was soll das für eine Zukunft sein?

Kommen wir zurück zum Hörspiel… Ich denke für die Jugend fehlt der „Coolness-Faktor“.

Was noch dazu kommt, dass der Handel bzw. Industrie nicht bereit ist das Hörspiel zu fördern! Ich denke das ist das größte Problem. Oft kann man seine Werbung oder seine Ideen nicht so platzieren wie man möchte und für Hörspiel im TV Werbung zu machen… da braucht man Millionen um das über Jahre durch zu ziehen…

Ich denke es gab viel Hörspielmacher die sehr gute Ideen hatten das Hörspiel publiker zu machen, scheitern aber an der Finanzierung oder an Zusammenarbeiten mit der Industrie.

Hörspiel ist Nische. Mal mehr mal weniger. Das zu ändern wird nicht gelingen. Man kann z.B. die Synergieeffekte verschiedener Hörspiellabel nutzen, wenn man gewillt ist zum gemeinsamen Handeln.

Das wird aber teilweise dadurch erschwert, dass natürlich nicht alle Labels unter einem Vertriebsdach sind.

Wie man dagegen wirkt? Mit Kindergärten und Bibliotheken zusammenarbeiten, dass Hörspiel müsste überall präsent sein. Z.B. in der TV Movie als Beilage… aber das ist Utopie! Wir können dem nicht entgegenwirken und ja: Irgendwann wird mit dem letzten Kassettenkind auch das Hörspiel, also das kommerzielle Hörspiel, zu Grabe getragen… Ich bin der Meinung das wird so kommen, aber das wird noch Jahrzehnte brauchen… 20-30 Jahre vielleicht…

Das Problem ist, was ich oft beobachte das bei vielen Menschen mittlerweile die Aufmerksamkeitsspanne sehr kurz ist. Und für ein Hörspiel muss man sich eben eine Stunde Zeit nehmen. Für viele ist das zu viel, bzw. zu langweilig. Es erfordert ja eine besondere Konzentration und Kreativität das die Bilder im Kopf entstehen. Die Wenigsten können das heutzutage.

Und damit meine ich nicht nur die Kiddies und Teenies, auch die meisten in unserem Alter sind nicht mehr fähig dazu.

Das ist wirklich schade, aber wir werden das nicht ändern. Wir sind nun seid 2002 kommerziell in der Hörspielbranche tätig und es ist weder und gelungen noch anderen Labels. Ich sehe eigentlich die Zukunft nur bei „Dachlabel“ wie z.B. Maritim. Das könnte durch die Masse funktionieren. Aber trotzdem sollte man nicht alles pessimistisch sehen und sich an der Auswahl erfreuen. Der Markt ist zwar klein aber es gibt sehr viel Auswahl. Ich denke das ist für jeden was dabei…

Thomas Rippert: Eine realistische Einschätzung der Lage, wie ich finde.

Du erwähntest, das viele Menschen heutzutage gar nicht mehr in der Lage sind sich lange und ausgiebig auf ein längeres Hörspiel einzulassen. Gerade die Produktionen von Audible punkten z.B. bei mir dadurch, das sie über mehrere Stunden Spielzeit vorweisen können – wie z.B. jetzt wieder „Alien – River of Pain“, welches mit 4 Stunden Sci-Fi-Horror aufwarten kann.

Die damaligen Produktionen – siehe „Larry Brent“ oder die „H.G. Fancis Gruselserie“ gingen nur selten über die 30 Minuten Marke hinaus und selbst zu Boom-Zeiten gab es Kritiken – z.B. bei diversen „Dreamland-Grusel“-Folgen – das die Spielzeit zu lang sei.

Wäre eine Rückkehr zu „kurz und knackig“ vielleicht sinnvoll, im Gegensatz zu „lang und ausführlich“, wie jetzt auch wieder beim „Krieg der Welten“ der Mediabühne Hamburg, wenn man die Kassettenkinder besser bedienen will?

 

Simeon Hrissomallis: Ich denke beides hat seine Daseinsberechtigung. Für „Neueinsteiger“ ist die knackige Version wohl besser, sonst fühlt man sich schnell erschlagen. Das was Europa früher mit der Gruselserie gemacht hat, war schon fast perfekt, eine knackige Laufzeit von ca. 35 Minuten.

Thomas Rippert: Kommen wir jetzt einfach mal zum allgemeinen in der Hörspielszene.

Die Gangart der Gags und Scherze untereinander hat ja eine neue Qualität angenommen, was die Härte angeht. Ich möchte da jetzt nicht noch einmal ins Detail gehen.

Die Fanwelt ist erheblich geschrumpft, doch statt positiv zusammen zu wachsen, geht man sich nach wie vor gerne verbal an die Gurgel. Mittlerweile bist du ja auch kaum noch in Foren vertreten, was deine Meinung angeht. Ist das der richtige Schritt – produzieren und nicht mehr mitdiskutieren und sich in die Karten kucken lassen?

 

Simeon Hrissomallis: Naja, es gibt da ein paar unangenehme Dinge, z.B. wenn man Fäkalien zugeschickt bekommt…hätte ich auch nicht für möglich gehalten aber so ist es nun mal… Dran sollten wir uns auch nicht aufhalten!

Das ich nicht mehr so präsent in den Foren bin, hat zwei Gründe:

1 – Mir fehlt schlichtweg mittlerweile die Zeit,

2 – Ich denke es ist einfach nicht gut, wenn man als Produzent sich zu sehr an Diskussionen beteiligt. Man macht sich damit auch angreifbar und viele Sache  lassen sich eben nicht ändern. Wenn z.B. jemand der Meinung ist das Larry Brent, Faith oder gar R & B Company der größte Mist ist, dann wird man diesen Menschen auch mit den besten Argumenten nicht vom Gegenteil überzeugen können. So ist das halt. Und Geschmäcker sind eben auch verschieden. Es ist aber auch nicht so, dass ich mich ganz aus der Forenwelt verabschiedet habe. Gibt es wichtige Neuigkeiten und Infos werden diese nach wie vor gepostet.

Was die Hörspielbranche angeht, also die Produzenten und Labels, finde ich mittlerweile das Verhältnis entspannter und freundschaftlicher als noch von zehn Jahren. Da gibt es viele Labels die miteinander arbeiten und versuchen das Hörspiel nach vorne zu bringen. Das finde ich persönlich sehr schön.

Thomas Rippert: Also – es geht weiter, egal wie und egal womit. Das Hörspiel lebt!

Dann danke ich dir für dieses erneut sehr ausführliche Gespräch und hoffe das Du uns noch lange als Macher und Fan in der Szene erhalten bleibst!

 

Simeon Hrissomallis: Ich danke dir für das Interview und wünsche unseren Fans auch weiterhin viel Spaß mit unseren Produktionen!

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.

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