Stefan Kaminski, 03.01.2010

Stefan-Kaminski

Es gibt Menschen in denen wohnen viele andere Personen, Dinge und Wesen – zumindest akustisch. Einer von ihnen, für mich subjektiv der interessanteste und facettenreichste ist Stefan Kaminski. Sein Stimmenmorphing ist einzigartig und er erschafft alleine Klangwelten, welche ihre gleichen suchen.

Ich habe die große Ehre mit Stefan Kaminski ein wenig zu plaudern und ihn alles zu fragen was ich schon immer wissen wollte – hoffe ich…

Und los geht’s…

Luke Danes: Hallo Stefan. Zuerst einmal vielen Dank das Du in deiner eh so knapp bemessenen Zeit dir ein paar Minuten für eine kleine Unterhaltung nimmst.

Zu Anfang würde mich interessieren wie Du überhaupt zum Beruf gekommen bist.

Stefan Kaminski: Das kam ganz natürlich über meinen Spieltrieb als Kind an der Schwelle zum Jugendlichen. Ich hatte mit der Wende damals die Möglichkeit, mir endlich einen Doppel-Kassettenrekorder kaufen zu können. Dazu ein Mikro für 14,95 DM und dann ging es los. Geräusche von alten DDR-Geräuscheplatten, dazu eigene Sounds, mit einfachen Utensilien hergestellt, selbst gemachte Musik und eine Vielzahl von Figuren, die ich meinem Adamsapfelgribsch entlocken konnte, wurden zu kleinen Geschichten, fiktiven Radio-Shows, bearbeiteten Märchen und Sketchen, die dann im Freundes- und Bekanntenkreis rumflogen und sich wachsender Beliebtheit erfreuten. Irgendwann hab ich dann ein Tape ans Radio geschickt (damals Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg) und wurde eingeladen, dort ein Praktikum zu machen. Das ging 1996 los und führte mich schrittweise in die freie Mitarbeit für den Funk. Ich hab moderiert, kleine Rollen in Hörspielen übernommen, Trickfilmsynchron für´s Fernsehen gemacht und das immer, immer wieder. Da bekam ich Lust, das professionell zu machen! Schauspielstudium an der „Ernst Busch“ in Berlin (1999-2003), danach der Start am Deutschen Theater Berlin als Schauspieler, und plötzlich hilft Dir diese Präsenz und das nötige Handwerk, noch viel intensiver Fuß zu fassen. Ab da war ich angekommen im Beruf. Hörbücher, größere Rollen in Hörspielen und Theaterstücken und schließlich der Bogen zurück zu meinen Anfängen: Kaminski ON AIR, mein Dreidimensionales Live-Hörspiel-Format im Deutschen Theater und auf Tour. Hier kann ich in großem Stil all das umsetzen, was ich früher im Jugendzimmer schon getan habe. Trash, Katastrophensujets, Opernstoffe in freien, eigenen Bearbeitungen – Rock´N´Roll, it´s me!!

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Luke Danes: Nun kennen dich ja die meisten Leser dieses Interviews als den „Stimmenmorpher“. Mein erstes Hörbuch von dir war die „Schule der Magier“ in dem dieses „Fabeltier mit mehreren Stimmen gleichzeitig spricht“. Danach habe ich etwas genauer auf deine Produktionen geachtet bis das mir per Zufall der „Kong“ in die Finger kam.

Männer wie Frauen wie Monster und alles andere auch – das ist für dich ja machbar, ohne das man beim hören irgendwie das Gefühl hat es würde dich anstrengen oder gar herausfordern.

Wie kamst Du auf die Idee des „morphings“ und was reizt dich daran aus deinen Stimmbändern das letzte heraus zu holen und sich nicht nur mit „leichtem verstellen“ zufrieden zu geben?

Stefan Kaminski: Das Morphing war keine Idee, sondern hat mich heimgesucht… Ich hab früher viele Kinderschallplatten gehört. Die DDR-Märchenproduktionen waren die besten, besetzt mit wirklich herausragenden Theaterschauspielern, voller Geräusche und Musik. Burattino mit Carmen Maja-Antoni war ein Gassenhauer, auch auf dem Schulhof.

Mit meinem Kumpel, der heute übrigens auch die Kaminski ON AIR-Homepage macht, konnte ich die Scheibe auswendig! Hinzu kamen zahlreiche Komiker, die ich Klasse fand: Otto, Loriot, Helge Schneider, Gerhard Polt. Die haben ja ähnlich gearbeitet – mit Verwandlung und täuschender Vielgestaltigkeit. Das hat mich begeistert. Dann fing natürlich die genauere Beobachtung des Alltags an, das Imitieren von Personen und Persönlichkeiten, Tierstimmen und Geräuschen, die ich schon kurz darauf in meine eigenen Geschichten hineingebastelt habe.

Mir ist es heute wichtig, nicht einfach die Stimme zu verstellen, sondern auch die Tiefen und Untiefen der Figuren auszuloten. Haltungen präzise zu leben, Sprache zu kauen und dabei nicht nur witzig, sondern auch berührend zu wirken, finde ich unerläßlich, wenn man Hörer und Zuschauer begeistern möchte. Dabei komme ich oft an spannende neue Grenzen und beginne meine Stimme zu variieren und neue Farben zu finden. Diese Palette bleibt lebendig und ist ständig in Bewegung. Im Laufe der Jahre hat sich auch meine normale Stimme verbreitert. Daher muß es nicht immer Morphing sein – ich giere danach, gute Literatur einfach zu lesen – Transporteur der Sprache zu sein, schlicht zu bleiben. Um so schöner, wenn man dann mal wieder richtig in den Farbeimer langen darf…

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Luke Danes: Das man nicht immer „witzig“ sein muss hast Du ja bereits mehrfach beweisen. Wenn Du sagst das Du die Tiefen der Figuren auslotest stellt sich für mich die Frage wie weit eine Rolle wie die des „Mann“ aus GARGOYLE an die Substanz geht. Hältst Du da Abstand oder lässt Du dich da vollkommen gehen. Und wie kommt man aus so einer mental brutalen Rolle wieder heraus?

Stefan Kaminski: So etwas nehme ich ganz professionell. Ich kann mich selbst für die Zeit des Lesens oder des Spielens auf der Bühne komplett vergessen und ganz im Dienst der Figur alle meine Ressourcen anzapfen. Natürlich kommt die Art wie eine gespielte Figur verzweifelt, glücklich, bestialisch oder witzig ist aus der mir eigenen Art, all das zu sein. Insofern kann also das Brandopfer aus Gargoyle wirklich schweißtreibend sein, aber schon kurz nach der Leseschicht kann ich mich wieder lebensbejaenden Dingen widmen und ohne Verstimmung ein Bier trinken gehen oder meinem kleinen Sohn vorlesen. Mir ist wichtig, alles für eine Figur oder einen Stoff zu geben und dabei ehrlich zu sein. Lügen spürt der Hörer sofort, da vergeht einem die Lust! Insofern würde mich zuviel Abstand in die Oberflächlichkeit führen. Also mit nem Köpper REIN in die Materie, egal ob Comic oder bitterste Dunkelheit!!

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Luke Danes: Du musst ja bei Stücken wie dem KONG innerhalb von Sekunden, zumindest auf der Bühne, die Rolle wechseln. Bist Du da extrem sattelfest, oder kann es an einem schlechten Tag schon einmal geschehen das Du dich verzettelst und der „Kackgesichtsmarote“ – übrigens eines meiner Lieblingsworte mittlerweile – nach hinten losgeht?

Stefan Kaminski: Bisher ist sowas ganz selten passiert. Und WENN ich mich verzettele, hilft generell ein mundgemachtes „Zurückspulen und nochmal ansetzen“. Das ist dann meist noch witziger, als das eigentliche, vermasselte Wort. Außerdem ist alles live und mundgemacht, insofern darf alles geschehen. Die Leute freuen sich über Lapsii und sind dann Teil der Show. Kackgesichtsmarote saß bisher immer. Schlechte Tage gibt es natürlich, aber die wirken sich nicht auf die Show aus. Meist wird die Show knorke und der Tag geht erst danach scheiße weiter… Gut, daß er dann meist auch schon fast vorbei ist!

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Luke Danes: Bist Du schon einmal an deine Grenzen gekommen und konntest etwas nicht so ausdrücken, spielen, interpretieren wie Du es dir vorgestellt hattest?

Stefan Kaminski: Jede neue Arbeit hat bei mir neue Grenzen gesprengt. Ich stoße während des Schreibens schon auf etliche und überwinde sie dann Stück für Stück. Ist das Skript geschrieben, kommen die Proben, da passiert plötzlich Unerwartetes, Spontanes. Dann wird es Rock´N´Roll! Wirklich!! Ich erinnere mich an manches Glas Rotwein zuhause, bei dem ich mir den Schädel zermartert habe, wie ich dies oder jenes formulieren soll, daß es glaubhaft oder witzig oder schlicht oder tragisch oder trashy ist – letzten Endes passieren die Dinge so wie sie wollen. Oft genug ist aus einem rausgeschossenen Blödsinn, weil man keinen Bock mehr hatte nachzudenken, eine absolut treffende Spiel-Idee geworden. Sowohl KONG!, als auch die „Ring des Nibelungen“ – Tetralogie sind zu 100% das, was ich wollte.

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Luke Danes: Wo Du sie gerade ansprichst: Warum gerade der KONG und die Nibelungen? Hast Du zu den Geschichten einen besonderen Bezug?

Stefan Kaminski: Katastrophen-Szenarien waren schon von Anbeginn Bestandteil der Kaminski ON AIR-Shows. Ich liebe Katatrophenfilme! KONG! bezieht sich auf den 33-er Klassiker und wird noch lange rocken, denke ich. Die RING-Tetralogie ist ebenfalls eine Herzenangelegenheit. Tiefe mythologische Urgeschichten haben ungeheure Kraft und sind Parabeln, Märchen und archaische Monolithen zugleich. Es macht Spaß, sie zu knacken und auf den Punkt zu bringen.

Wenn man den Kaminski-RING live gesehen hat, weiß man, daß alle Sinne angesprochen werden – Du bist unterhalten, aber gleichzeitig auch gefesselt von einer ernsten Geschichte mit Tragweite, deren Tragik so viel Komik hat. Ich mochte das Aufeinanderprallen von starken, gegensätzlichen Figuren wie Riesen, Zwergen, Göttern und Menschen. Ein Mekka für die Stimme! Ganz zu schweigen von den vielfältigen Möglichkeiten, die sich in musikalischer und atmosphärischer Hinsicht geboten haben. Angeregt wurde dieses große Vorhaben durch das Wagner-Epos „Der Ring des Nibelungen“ selbst. Die Musik hat es geschafft, dann die Geschichte – und schon rieselten die Ideen.

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Luke Danes: Diese Stoffe sind ja schon Schwergewichte an sich. Wo könnte es dich denn noch jucken? Bei einem „Frankenstein“ – die Auslebung des Monsters, oder einem „Dracula“ – genügend Charaktere wären ja da vorhanden, oder etwas wie „Schweigen der Lämmer“ – nicht so oberflächlich wie der Film? Oder lieber ganz etwas anderes?

Stefan Kaminski: Es gibt vieles, was ich noch machen will. Darunter sind Katastrophen, Sci-Fi, Trash, Schmonzetten ebenso wie Mythen, Odysseen, Opern, Theaterstoffe. Entscheidend wird sein, in der Umsetzung jeweils neue Akzente zu setzen – andere Erzählweisen, neue musikalische Herausforderungen, stimmliches Neuland betreten. Ich bin dran…

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Luke Danes: Was macht dir eigentlich mehr Spaß: Die Arbeit auf der Bühne oder die im Studio?

Du lebst dich ja bei beidem komplett aus, zumindest meine ich das stets heraus zu hören, aber kommst Du auch gut ohne die Interaktion (Reaktion) des Publikums aus?

Stefan Kaminski: Ich genieße die Vielfalt in meinem Berufsleben. Die Shows vor voller Bude machen mir ebenso viel Spaß wie eine gepflegte Studiosession, in der ich mich ausleben kann. Das sind natürlich ganz unterschiedliche Biotope. Im Studio bist Du fast privat und kannst intim vor dem Mikrofon mit akkustischen Perspektiven und Distanzen arbeiten. Du erzeugst eine Illusion und bist sehr nah am Ohr des Hörers letzten Endes. Live hast Du alle vor Dir sitzen, Du spannst einen einzigen Bogen und erfährst die Reaktionen auf das, was du tust sofort und direkt. Das unmittelbar zusammentreffende Senden und Empfangen ist ungeheuer spannend und da wird jede Menge Adrenalin frei – ich genieße auch die Spontanität, die dabei entsteht. Also: beides toll, aber es sollte sich abwechseln.

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Luke Danes: Du gehst ja nächstes Jahr mit dem KONG! auf Tour (Wo ist eigentlich der KING geblieben? Namensprobleme oder nur so?) nachdem die Live-CD erschienen ist.

Private Frage: Kommst Du auch nach Hannover?

Nicht ganz so privat: Wie wird das aussehen? Kleine Hallen? Clubs? Theater- oder Kinosäle?

Stefan Kaminski: Kong! reist überall hin, wo er gesehen werden will. Wir versuchen so, auch den Rest des Landes urbar zu machen. KONG muß leben!! Das King ist weg, weil der Abend natürlich eine sehr freie und typisch ON AIR-mäßige Umsetzung des Filmstoffes ist. Es ist eine alte Geschichte in völlig neuem Gewand. Daher KONG! mit Ausrufungszeichen, denn es knallt wie die Sau! Am liebsten spiele ich an Orten, wo auch Bands spielen würden – Backsteinbuden, Grotten, Keller, wo die Leute nah dranne sind und unseren Schweiß von den beschlagenen Brillen wischen können. Geboren ist KONG! im Theater, die Show aber ist frei für sämliche Locations, die Nähe, Rackenrool und guten Sound bieten können…

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Luke Danes: Also hängt alles auch von der Location als Stimmungsmacher ab!

Wie „spaltet“ sich dein Publikum? Von 8 bis 80, oder doch eher die „jüngeren“ Zuhörer, wobei ich noch so um die 40 bis 50 mit einrechnen will…

Stefan Kaminski: Die Spanne 8-80 habe ich tatsächlich festgestellt – vor allem jedoch beim Ring des Nibelungen. Dort kommen Wagner-Kenner mit ihren Enkeln ebenso auf ihre Kosten wie alte ON AIR – Fans, Wagner-Debutanten und Punks mit Nadeln in der Kniekehle. Das ist das allerbeste, denn die „Rumsprechquote“ ist somit relativ hoch und vielschichtig. KONG! läuft ebenso, aber vorrangig kommen die vertrauten Zuschauer. Mag sein, daß sich mein RING nun auch rückwirkend auf das haarige Affentier auswirkt und demzufolge auch mehr und mehr „Silberrücken“ vorbeikommen. Mir sei es recht.

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Luke Danes: Welche Projekte, die Frage ist ja unvermeidlich, stehen nun als nächstes an – außerhalb des ON AIR?

Stefan Kaminski: Ich bin immer daran interessiert, mein Arbeitsfeld möglichst vielgestaltig wachsen zu lassen. Ob also Drehen, Hörspielen, Hörbuch lesen oder auf der Bühne: ich wünsche mir Projekte, die mich weiterbringen, die mich fordern und meine Lüste anstacheln. In Bezug auf ON AIR plane ich, zunächst KONG! und den RING großflächig zu verbreiten. National, international, oben, unten – Rackenrool – ich will damit jetzt cruisen!! Natürlich reifen schon weitere Projekte in meinem Kopf, einige sind gar schon geschrieben. Ob´s die dann werden, wird sich zeigen – ich möchte große, bekannte Geschichten neu erzählen, auf unsere Art, mit neuen und immer wieder neuen Mitteln. Spread the word!

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Luke Danes: Also liegt dir auch daran die jüngere Generation mit artgerechtem Futter zu versorgen das sich bisher noch eher auf einen älteren Kreis an Überzeugungskonsumenten bezieht!

Siehst Du darin so etwas wie ein Bildungsauftrag, nach Pisa, im Sinne des Infotainment – denn wer von den Kids kennt noch den „Nibelungenring“?

Stefan Kaminski: Einen Bildungsauftrag sehe ich überhaupt nicht. Bei mir steht die Auseinandersetzung mit einem spannenden Stoff im Vordergrund, der persönliche Spaß, die Lust, eine neue Sprache – musikalisch wie szenisch – für eine alte Geschichte zu erfinden. Das ist Bandfeeling einerseits, andererseits eine theatrale Herausforderung. Das Medium Live-Hörspiel erweitern! Bilden muß sich da jeder selbst, er kann aber auch einfach nur Spaß haben. Aber schön finde ich, daß so viele Alters- und Interessenschichten zieht, was wir da machen. Und daß viele, die mit dem RING beispielsweise nix am Hut hatten, plötzlich die Geschichte spannend finden und wiederkommen.

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Luke Danes: Willst Du etwas „hinterlassen“? Oder siehst Du das eher als „dust in the wind“ an – here today, gone tomorrow? Wenn wir schon die ganze Zeit beim Racknroll sind…

Stefan Kaminski: Klar will ich was hinterlassen. So ein kleiner Beep in den Outa Space, logisch! Ein Baum ward schon geplanzt, ein Sohn gezeugt, die Hütte muß noch gebaut werden. Und ne gescheite Bild- und Tonaufnahme von jedem ON AIR-Programm ab sofort. Das wär´s. Wir sind dran!!

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Luke Danes: Dann hoffe ich noch viel von Dir zu hören und Dich evtl. auch beim KONG live sehen zu können!

Vielen Dank für die Zeit, welche Du dir genommen hast!!!

Stefan Kaminski: Lieber Thomas, vielen Dank.Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.