Thomas Krüger, 05.03.2009

Thomas-Krueger

Es gibt Menschen die viele Sachen machen und auch große Dinge tun die jeder kennt, doch sie selbst bleiben zumeist hinter den Dingen verborgen, leider. Wenn man den Namen „Thomas Krüger“ nennt, können viele nicht wirklich etwas damit anfangen. Wenn man aber, zum Beispiel, Hörbuchtitel wie „Tunnel“ (Sprecher: Andreas Fröhlich) oder diverse Lesungen nach Terry Pratchett (zumeist von Rufus Beck) oder das Mammutwerk „Gargoyle“ (mit Stefan Kaminski und Sascha Iks) erwähnt, bekommt man des öfteren ein „Ah, das kenne ich!“ zu hören.

Thomas Krüger ist der Regisseur und Realisateur dieser Werke und er war so freundlich mit mir ein wenig über sich und seine Arbeit zu plaudern.

Und los geht’s…

Luke Danes: Hallo Thomas. Zuerst einmal vielen Dank das Du dir die Zeit nimmst für eine kleine Plauderei. Und direkt die Standartfrage vorweg: Wie bist Du zum Medium Hörbuch/Hörspiel gekommen?

Thomas Krüger: Hallo Thomas, danke für das Gespräch!

Tja: das kam am Ende des Studiums, als ich – ich habs mit Anglistik versucht – Shakespeare auseinandernehmen sollte und an den Büchern verzweifelte.

Dabei stieß ich in einer Hamburger Buchhandlung (jetzt keine Schleichwerbung…) auf BBC-Vertonungen, und die fand ich großartig!

Plötzlich wurde der alte Shakespeare lebendig. Kurz darauf wollte ich dann unbedingt einen Laden nur mit Hörbüchern aufmachen und lernte in Darmstadt jemanden kennen, der tatsächlich schon solch einen Laden hatte. Den hab ich besucht, wir haben uns unterhalten, dabei erzählte er mir, dass er eine Zeitschrift für Hörbücher gründen wolle – und weil ich ja fast noch lieber schreibe als hinter einer Ladentheke stehe 😉 hab ich gedacht: noch besser.

Die Zeitschrift hats gegeben – nicht sehr lange – aber ich kam in die Branche rein, habe Rundfunkleute kennengelernt, habe bei Regiearbeiten reingeschnuppert, und dann lernte ich in Köln den späteren Geschäftsführer von BMG WORT/Random House Audio kennen. Der suchte jemanden fürs Programm…

So ging das los.

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Luke Danes: Und was war Deine erste Tätigkeit bei Random House?

Thomas Krüger: Ich war sozusagen Gründungsmitglied und sollte ein erstes Programm auf die Beine stellen. Ich habe dann wochenlang am Schreibtisch gesessen und Aufnahmen durchgehört, die bei der Sonopress in Gütersloh archiviert waren. Es war nämlich so, dass bei der BMG mittlerweile die Rechte an den LITERA-Aufnahmen aus der DDR lagen: sehr viele klassische Wort-Aufnahmen…

Aus diesen Beständen sollten Titel ausgewählt werden, die man veröffentlichen könnte. Und ich hab mir die Buchveröffentlichungen bei Bertelsmann angesehen – da BMG Wort (woraus dann später Random House Audio wurde) zu Bertelsmann gehört, wollte man natürlich die hörbuchtauglichsten Bücher auch vertonen. Da ich aber noch gar keine Ahnung vom Sujet hatte, habe ich wohl einige Sachen veröffentlicht, die zu den Negativverkaufsschlagern des ausgehenden 20. Jahrhunderts gehören 😉

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Luke Danes: Also von der Pike auf gelernt, sozusagen. Hat man Dir diese Negativverkaufsschlager irgendwie nachgetragen, oder wurde das eher als die üblichen Versuchsballons angesehen?

Thomas Krüger: Das hat man mir nachgesehen. Ich habe das Glück gehabt, dass wir damals alle sozusagen frisch mit Hörbüchern anfingen. Es hat Spaß gemacht, wir haben Leute begeistern können, und dann kamen auch Titel, die verkauften. Die Einspielphase hat man mir zugestanden, was ich sehr fair fand!

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Luke Danes: Wann kam dann Deine erste Regiearbeit und wie kam es dazu?

Thomas Krüger: Die erste Regiearbeit kam ziemlich schnell. Es war Ende 1999: ich hatte den „Regenroman“ von Karen Duve gelesen und mochte das Buch. Dann hörte ich, dass der Kölner Musiker, Sänger, Schauspieler Gerd Köster aus dem „Regenroman“ las – in der Mayerschen Buchhandlung im Rahmen einer Reihe: „Meine Lieblingsbücher…“ oder so.

Das hab ich mir angehört und ihm danach vorgeschlagen, das Buch bei BMG Wort aufzunehmen. Mein Chef fand die Idee prima, zumal ich ihm mit Inszenierungselementen (Regengepladder etc.) in den Ohren lag. Es hat dann tatsächlich viel Spaß gemacht, stundenlang die verschiedensten Regentöne, -formen, Tropfengeräusche etc. aus Soundarchiven rauszusuchen und bei Kapitelwechseln einzusetzen.

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Luke Danes: Und diese Art der inszenierten Lesung machst Du ja nach wie vor, wenn sie angebracht und vom Verlag erwünscht ist. Sicher ist es bei einem Thema wie der „Millenniums-Trilogie“ eher abträglich dort Soundeffekte einzusetzen, doch bei den Pratchett-Vertonungen, welche Du mit deinem eigenen Label „Schall und Wahn“ produzierst, finde ich sie sehr angebracht. Wie kamst Du darauf die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett als Lesung im Eigenverlag zu vertonen?

Thomas Krüger: Das ist ein langes Thema: Terry Pratchett war einer der Autoren, die man bei Bertelsmann – die Bücher erscheinen ja bei Goldmann – in Hörbuchausgaben veröffentlichen wollte. Da habe ich ihn als Autor kennen- und schätzen gelernt. Als ich dann von Bertelsmann wegging und mich selbständig machte, hatte ich die Idee im Kopf, einige der klassischen Scheibenwelt-Romane zu inszenieren.

Ein Hörspiel mit mehreren Stimmen wäre vielleicht ideal, aber das übersteigt meine Bordmittel. Andererseits kann man mit einem „vielstimmigen“ Sprecher / einer Sprecherin (ich veröffentliche die Hexen-Romane ja mit Katharina Thalbach) sehr nah an eine Hörspielfassung herankommen.

Ich war vom Medium Hörspiel und seinen Auswirkungen auf Terry Pratchett überdies ein bisschen abgeschreckt durch eine WDR-Inszenierung des ansonsten von mir sehr geschätzten Leonard Koppelmann. Da sind – für meine Begriffe – dem Regisseur sämtliche Pferde durchgegangen, und das Ergebnis hat, obwohl es bunt und wild ist, mit Terry nicht mehr viel zu tun. Eine Lesung mit Stimm-Artistik und passenden, ironisch gesetzten Musiken, scheint mir die bessere Variante. Obwohl ich immer noch glaube, dass die ultimative Hörspielfassung von Terry Pratchett möglich, richtig und wichtig ist. Mal sehen. Es ist ja noch nicht aller Tage Abend…

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Luke Danes: Ich unterstelle Dir jetzt einfach mal, aus meiner Sicht, ein unwahrscheinlich großes Einfühlungsvermögen in die Stoffe welche Du verarbeitest. Besonders bei den Pratchett-Sachen kommt das enorm zum tragen. Wie gehst Du an die Stoffe heran welche Du dann umsetzt und hast Du Einfluss auf die Auswahl der Sprecher – außerhalb von „Schall und Wahn“ – indem Du z.B. sagst „Ich denke das Andreas Fröhlich genau der richtige für eine Lesung wie „Tunnel“ wäre!“?

Thomas Krüger: Danke! Ich versuche zumindest, Musiken auszuwählen, die das Thema treffen oder witzig kommentieren – wie bei den Pratchetts. Es gibt zwar immer auch Stimmen, die meine Musikauswahl unpassend finden, aber solche Kritik gehört natürlich auch dazu. Bei der Musikauswahl suche ich in der Regel sehr lange.

Anfangs weiß ich oft gar nicht, was passen könnte. Aber wenn du länger mit einem Text arbeitest, springt es dich irgendwann an. Das sind dann plötzliche Ideen, mit denen du weiterarbeitest, oder Richtungen, denen du folgen kannst. Bei der Suche nach Musik hilft mir das Internet sehr.

Ich greife auf eine sehr umfangreiches Musikarchiv zurück, in dem du mit Suchbefehl alles Mögliche aufspüren kannst. Das ist großartig!

Bei der Sprecherauswahl hab ich dann und wann tatsächlich die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Ich wollte zum Beispiel Stefan Kaminski für „Gargoyle“ – und als der Verlag eine CD, die ich geschickt hatte, angehört hatte, war man auch sofort d’accord. Andreas Fröhlich hätte ich für „Tunnel“ ebenfalls vorgeschlagen – da kam mir aber der Verlag zuvor ;o)

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Luke Danes: Genau da wollte ich auch jetzt hin, zu „Gargoyle“. Ich habe das Hörbuch ja gerade erst gehört und mich gefragt wie man solch ein Thema be- und verarbeitet wenn man damit zu tun hat. Gehst Du an so einen Stoff eher mit einer gewissen Distanz heran, oder lässt Du dich da vollkommen drauf ein?

Mich hat das Thema fasziniert, aber auch emotional extrem mitgenommen. Wie geht man damit um wenn jemand wie Stefan Kaminski (und gerade er) oder Sascha Iks so eine intensive Lesung vor einem im Studio auslebt?

Thomas Krüger: Es bleibt schon noch Distanz, sonst verliert man, glaube ich, den Blick auf die Sache.

„Gargoyle“ war insofern einfach, als die Vorgabe war: eine ungekürzte Lesung mit zwei Sprechern zu produzieren, wobei die Kapiteleinteilung schon im Großen und Ganzen die Aufteilung der Rollen vorgab. Trotzdem war die Arbeit mit den beiden sehr intensiv.

Stefan ist ja – wie Du richtig sagst – ein sehr intensiver Sprecher: er geht von Null auf Hundert und bringt das punktgenau und klar rüber. Da sitzt Du nur und staunst, wie EIN Mensch nacheinander in verschiedene Rollen schlüpft, die so anders sind als die Erzählstimme wenige Sekunden zuvor. Hin und wieder muss man ihn ein bisschen bremsen, aber er ist durchaus jemand, der sich sehr gut selbst einschätzen und korrigieren kann.

Sascha Icks auf der anderen Seite ist stimmlich von großer Klarheit und trägt in ihre Interpretation sehr viel Emotion hinein. Sie haben sich bei der Produktion wunderbar ergänzt!

Was viel Vorbereitung meinerseits bedeutete, waren die vielen Fremdworte – zum Teil aus der EDDA (da habe ich mir an der Kölner Uni Unterstützung geholt) und bei der Vorbereitung der japanischen Passagen (da gab es vom Verlag eine CD mit Hilfen: THANK GOD!!!) – und als dann ein mittelhochdeutsches Gedicht gesprochen wurde, war ich dankbar, einen vollgefüllten Ipod mit 1000 Gedichten in der Tasche zu haben – da war nämlich genau dieses drauf. Dem Zufall muss man ja auch mal danken 😉

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Luke Danes: Du arbeitest ja noch mit einem anderen, spielenden Stimmwunder zusammen, Rufus Beck – obwohl sich Beck und Kaminski nicht wirklich vergleichen lassen. Mit ihm hast Du ja die „Nomen-Trilogie“ (Patmos) und die Scheibenwelt-Pratchetts zusammen gemacht. Ich denke mal das gerade bei solchen Stoffen sicher viel „Zusatzaufnahmen“ vorprogrammiert sind, da man ja gerade in der Scheibenwelt eine Menge herum albern kann.

Thomas Krüger: Ja, mit Rufus arbeite ich sehr gern, und wir lachen tatsächlich viel bei den Pratchett-Aufnahmen. Ich kann mich da an einen Tag mit den Nomen erinnern, als Rufus die Stelle lesen sollte, wo die Nomen menschliche Stimmen hören. Aufgrund ihrer natürlichen „Schnelligkeit“ – sie sind ja nur 10 cm groß und erleben, laut Pratchett, alles Menschliche als sehr langsam und zäh – hören sie also sehr verlangsamt, was wir normal nennen würden. Es klingt dann wie runtergebremste Schallplatte, und wir haben Tränen gelacht.

Gut war auch die Stelle, wo die Nomen ihren „Gott“ – den Kaufhausbesitzer „Arnold Bros.“ – im Flugzeug sitzen zu sehen glauben. Dabei stellen sie fest: Gott hat Löcher in den Socken. Prompt schneidet sich einer der „gottgläubigen“ Nomen ebenfalls Löcher in die Socken. Diese Stelle war mindestens eine Stunde lang nicht zu lesen, weil Rufus in der Kabine regelmäßig vor Lachen zusammenbrach.

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Luke Danes: Das kann ich mir lebhaft vorstellen da ja schon bei den geschnittenen CD-Versionen der Spaß am „machen“ sehr gut vermittelt wird und man merkt das da nicht nur „Arbeit“ hinter steckt.

Nun sind wir vom „Gargoyle“ zu den „Nomen“ gekommen. Das sind ja nun Themen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mancher legt sich ja gerne in seiner Bandbreite fest, was die Produktionen angeht, doch ist das bei Dir nicht der Fall. Was reizt dich daran solche extremen Unterschiede zu produzieren? Vor allem auch in der Hinsicht da Du die „Millenniums-Trilogie“ von Stieg Larsson verarbeitet hast und demnächst auch noch die „Ritter“ von Sergej Lukianenko bei „Schall und Wahn“ heraus kommen.

Thomas Krüger: Das verbindende Element ist, glaube ich, dass in den Büchern eine gute Geschichte erzählt wird. Stieg Larsson ist ein Phänomen: die Bücher sind sehr beliebt, grade im Buchhandel, und ich treffe immer wieder Menschen, die den leider verstorbenen Autor verehren. Larsson hat sich im Genre ein paar Freiheiten herausgenommen, die ihm die Kritik gar nicht so leicht verzeiht – aber das Publikum liebt ihn dafür umso mehr: seine Ermittlerin Lisbeth Salander ist auf der einen Seite eine Unterdrückte, auf der anderen Seite ist sie gradezu übermenschlich in ihren Fähigkeiten – und wer von uns könnte in eine solche Person nicht Eigenes hineinprojizieren. Das hat Larsson wirklich klug gesehen. Genauso seine Kritik an Abzockern und staatlicher Bevormundung. Auch da spricht er viele an. Und Dietmar Bär trifft den Ton.

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Luke Danes: Ich Dir für das Interview. Ich hatte ein Menge Spaß und es war sehr informativ.

Thomas Krüger: Vielen Dank zurück! Und viele Grüße an die Leser!Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert

Geboren 1966 in Solingen, interessiere ich mich seit frühster Jugend für Bücher, Comics, Filme, Hörspiele, Musik und alle anderen Medien, welche zur Unterhaltung dienen können.

Ich lebe seit 2007 in Hannover - einer Stadt, welche viele Möglichkeiten zum Ausleben des Hobby anbietet.

Kommentare zu konsumierten Medien verfasse ich seit 2007, mal mehr, mal weniger intensiv.