Echo der Erinnerung

Echo

Als Mark nach einem Autounfall wieder aufwacht, hat er alle Gefühle zu seiner Schwester Karin verloren und hält sie für eine feindliche Doppelgängerin: „Capgras-Syndrom“, diagnostiziert der Neurologe. Während Karin alles versucht, um ihm ein normales Leben zu ermöglichen, liegen die Ereignisse der Unfallnacht im mysteriösen Dunkel seiner Erinnerung.

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Der menschliche Geist ist in der Lage uns viele Streiche zu spielen und selbst vor einer kompletten Verwirrung des Charakters macht das Gehirn nicht halt. Das Feld der Neurologie ist ein sehr weitgreifendes und die Erkrankungen in diesem Bereich sind so vielfältig wie die Sterne am Firmament.

Die Geschichte von Autor Richard Powers beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Capgras-Syndroms, welches die Wahrnehmung des betroffenen Erkrankten in dramatischer Weise verändert. Man erhält hier einen Einblick in den Kampf der menschlichen Gefühlsebenen wenn sie sich mit kaltem logischen Rationalismus messen müssen.

Und genau so tiefgründig wie die Geschichte selbst, welche sich trotz aller Erklärungsversuche der neurologischen Begrifflichkeiten nicht in monotoner Abspulung von Fachvorträgen verrennt, ist auch die Inszenierung. Wenig Wert wurde auf die Untermalung der Schauspielerstimmen durch Musik und Geräusche gelegt. Alles macht den Eindruck eines knapp durchinszenierten Kammerspiels und beschränkt sich fast spartanisch auf die wirklich unbedingt notwendigen Effekte.

So liegt die volle Konzentration des Zuhörers bei den Sprechern selbst und dem was sie zu sagen haben. Annett Renneberg und Florian Lukas spielen die opositionsartigen Parteien der Geschwister mit viel Gespür für die kleinsten Nuancen der Protagonisten. Auch die anderen Charaktere wurden stimmlich eindrucksvoll besetzt und der zweite Erzähler, Gerd Böckmann in der Rolle des Arztes „Weber“, bildet einen gekonnt gesetzten Gegenpunkt in seiner logisch-medizinischen Sichtweise gegen die eher gefühlsmäßige Ebene von Erzählerin „Karin“, Annett Renneberg.

Die Mischung aus sparsamer Hintergrundatmosphäre und fast vollständiger Beschränkung auf das gesprochene Wort ergibt eine der wohl eindrucksvollsten Produktionen, welche mir in letzter Zeit die Gehörgänge herunter gerieselt ist. Nichts lenkt von der Darstellung einer Krankheit ab und nichts stört die Seelenschau zweier Menschen die sich mit und in ihr zurecht finden müssen.

Nach den zwei CD hat man den Eindruck einen Kraftakt der besonderen Art bewältigt zu haben und ich ging nicht mit gutem Feeling aus der ganzen Geschichte heraus. Kurzweilige Unterhaltung wird hier nicht geboten, sondern sehr eine ernstzunehmende akustische Aufarbeitung eines Themas das nicht wirklich in den Bereich „Happy Happy Joy Joy“ gehört.

Nichts für Hörer die eher das unbedarfte Element des Mediums Hörspiel für sich in vordergründig-oberflächlichen Anspruch nehmen, sondern die eindrucksvolle Nutzung eines Trägermediums zur Erklärung eines nicht sofort zu verstehenden Umstands – den einer nicht sichtbaren Krankheit…Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert