01 – Verblendung

Millennium-Trilogie-01

An seinem 82. Geburtstag erhält der einflußreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.

In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomqvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.

Gelesen von Dietmar Bär

8 CD, Spielzeit: 620 Minuten

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Die Millenniums-Trilogie von Stieg Larsson wurde bereits kurz nach erscheinen von den vor Ort ansässigen Zeitungen, die Bücher erschienen zuerst in Schweden, in den höchsten Tönen gelobt. Es handele sich um „die Thrillersensation des Jahres“ und ähnliche Kommentare konnte man damals lesen. Doch wer nun hier die normale Thrillerkost erwartet, der sollte sich vorher vor Augen halten das die Schriftsteller der skandinavischen Länder sich nicht wirklich, wie viele ihrer deutschen Kollegen zum Beispiel, so genau an den gängigen Motiven der amerikanischen Kollegen orientieren oder gar bedienen.

Die Thriller-Helden aus der oberen Ecke Europas sind zumeist keine hochrangigen Wissenschaftler oder Alltagsledernacken welche sich mit den großen Weltverschwörungen oder kinoträchtigen Serienkillern abgeben müssen, sie sind sehr Down-To-Earth und bilden so einen guten Kontrapunkt gegen die goldenen Vorbilder amerikanischer Natur. Normale Menschen mit normalen Leben welche auseinander gerissen werden, das sind die Zutaten welche es dem Zuhörer ermöglichen sich mit den Protagonisten wesentlich leichter zu identifizieren und so einen intensiver Kontakt zur Geschichte herzustellen.

So wirft Larsson den Zuhörer den auch gemächlich in die Welt seiner Trilogie hinein und überfordert ihn nicht sofort mit Tatsachen welche erst später wirklich relevant werden. Auch ist der Erzählton im allgemeinen recht locker gehalten, ohne jedoch dabei an Spannung zu verlieren. Wie erwartete führt der Autor erste einmal die beiden Hauptaktuere ein und zeigt deren Leben auf. So bekommt man direkt ein Gefühl für die Personen welche man von nun an auf ihrem Weg durch alle Unwegsamkeiten begleiten wird. Dies ist bereits so interessant, das man nicht mit Explosionen oder planetenzerstörenden Wahnsinnsdrohungen „werben“ muss um die Aufmerksamkeit des Hörers an die Geschichte zu bannen. Der Vorteil eines, von vorne herein so angelegten, Dreiteiles ist es, der Personen erst mit dem wegbegleitenden Zuhörer vertraut zu machen und sie dann erst in die schlimmen Dinge zu verwickeln mit denen sie sich dann herumschlagen müssen.

So entsteht, durch die sehr eingängige Charakterisierung, bereits von Anfang an ein enger Bezug zur Welt der Geschichte und der Spannungsbogen erhöht sich kontinuierlich weiter. Auch verzichtet der Autor darauf das große, erste Finale, wenn man das so nennen mag, bis ganz zum Schluss aufzuheben. Er beginnt damit sehr früh und stürzt den Zuhörer so in recht atemlose Minuten in denen er auf die Auflösung und den zu erwartenden Cliffhanger hinfiebert.

Auch die Unterschiedlichkeit von Mikael und Lisbeth ergibt immer wieder interessante Reibungspunkte. Mikael ist eher der gefestigtere von beiden. Er lebt seinen Ehrenkodex als Reporter aus und versucht sich nicht von Konventionen unnötig aufhalten und behindern zu lassen. Lisbeth hingegen ist eher der Einzelgänger ohne wirkliche Fähigkeit zur Teamarbeit und auch gerne bereit Gewalt anzuwenden, sollte sie von Nöten sein.

Auch ist „Verblendung keine reinrassiger Politthriller der sich nur eingleisig fort bewegt. Larsson vermischt hier verschieden Spielarten miteinander und mixt aus Wirtschaftskrimi, Familiengeschichte und Thrillerelementen einen Cocktail der sehr hochprozentig ist, jedoch nicht nur mit platten, gewohnten Spielplätzen arbeitet.

Wer einen Thriller sucht der eine Geschichte beinhaltet welche sich bei ihm Zuhause vor der Haustür, in jeder beliebigen Stadt, jedem beliebigen Umfang und jedem beliebigen Land, so zutragen könnte, der ist mit „Verblendung“ vorerst sehr gut bedient. Die Messlatte für die kommenden beiden Teile wird hier schon sehr hoch angelegt und ich hoffe das man im zweite Teil keine Talfahrt erleben wird, da nur noch stereotyp weiter gearbeitet wird – doch vermute ich nicht das es dazu kommen wird.

Das Wette in Schweden ist schlecht und es regnet dort jeden Tag mindesten 24 Stunden bei dunkel bewölktem Himmel. Diese Aussage ist natürlich absoluter Blödsinn, aber die Geschichte setzt solch eine Feeling voraus. Dietmar Bär schafft es seiner Stimme auch genau dieses Timbre zu verleihen das man solch einem Nonsens glauben schenken könnte. Er beschönigt nichts und verspielt auch die Charaktere nicht. Alles wirkt lebendig und man fällt sehr leicht in seine Lesung hinein und findet sich auf der anderen Seite, neben Mikael und Lisbeth wieder. Die Story ist zwar ernst, doch wird sie durch Dietmar Bär nicht überdramatisiert und er findet genau den Mittelweg zwischen Dramatik und Glaubwürdigkeit.

Der Papp-Kapp-Halter, welcher die acht CD aufnimmt, ist in einem Schuber untergebracht. Dieser verhindert das ihm das gleiche Schicksal widerfährt wie vielen seiner Kollegen – das bis zu Unkenntlichkeit verknicken des Rückenteils, welches im Regal zu sehen ist. Auch hat man auf den einzelnen Seiten viele Informationen zum Hörbuch untergebracht: Die Vita von Autor und Sprecher, eine Personenglossar und ein paar Karten der Handlungsumgebungen.

Für Freunde des amerikanischen Bombastthrillers mit überlebensgroßen Helden ist das hier nichts. Wer jedoch hören möchte wie ganz normale Leute sich durch eine Geschichte bewegen und sich behauten müssen, der sollte ein Ohr riskieren. Spannend ist es und auch tiefgründig, aber nie weg vom Alltag und zu überzogen dargestellt…Soundsystem-BLAU

 

Thomas Rippert
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