Gina Riot (03.12.2020)

Thomas Rippert: Ich erwähnte bereits schon einmal, das die Wege der Literaten teilweise unergründlich sind. Auf solch einem Weg lernte ich Gina kennen. Sie reagierte auf einem Facebookpost von mir, in einer Gruppe für Blogger (wie ich dieses Wort hasse! Blogger, nicht Gruppe.), und da Fantasy nicht zu LUKES MEINUNG passt, wurde es leider auch nichts mit einer Besprechungszusammenarbeit.

Wochen später, selbe Facebookgruppe, und das Thema „Interviews“. Da ich ja bekanntlicherweise nicht auf „10 Fragen, 10 Antworten“ stehe, schien Gina interessiert, und hier sind wir jetzt also.

Hallo Gina, zuerst einmal vielen Dank das Du dir die Zeit nimmst, ein wenig mit mir zu plaudern!

Stelle dich doch bitte einmal kurz für diejenigen, welche dich noch nicht kennen, vor.

Gina Riot: Hi Thomas, interessant, dass wir nun doch zueinandergefunden haben. Vielen Dank!

Mein Name ist Gina und ich schreibe unter dem Pseudonym C. Gina Riot, komme aus Niederösterreich und bin hauptberuflich Grafik Designer und Experte für außergewöhnliche Werbung und agiere als eben diese in meiner Firma LAYOUTRIOT – Agentur für Werbung und Design. Ich bin großer Heavy Metal Fan (das bezieht diverse Subgenres mit ein), war ein paar Jahre Bassistin einer NWoBHM Band und wenn die Zeit es zulässt, probe ich mit meiner neuen Black Metal Band (sehr selten). Ach ja und seit 1.11. darf ich mich offiziell Schriftstellerin nennen. 🙂

Thomas Rippert: Und direkt die nächste „statische“ Frage hinterher: Wie bist Du zur Schreiberei gekommen? Und wie verstehe ich die Aussage „offizielle Schriftstellerin“?

Gina Riot: Begonnen hat alles, als ich das Schreiben in der Volksschule gelernt habe. Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie und habe in sehr jungen Jahren (Volksschulalter) schon Fantasy-Geschichten geschrieben. Damals wurde ich auch sehr gefördert. Ich musste zusätzlich zu den anderen Schulaufgaben jede Woche eine neue Geschichte liefern und das hab ich auch getan. Das hat sich später geändert, aber ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. „Diener des Ordens“ hab ich vor vielen Jahren mal angefangen, ohne je daran zu denken, jemals zu veröffentlichen. Und in diesem Jahr hab ich den Band plötzlich innerhalb weniger Monate fertiggeschrieben und Band II und ein Drittel von Band III gleich mit. Am 1.November war die Veröffentlichung und mit dieser Veröffentlichung darf ich mich mMn. „offiziell“ Autor nennen. 🙂

Thomas Rippert: Verstehe!

Nun ist die momentane Zeit ja nicht gerade gnadenvoll zu Autoren und Verlagen, Stichwort Sars-Cov-2-Pandemie. Ein befreundeter Autor schrieb mir vor ein paar Monaten, das seine Verkäufe (im Selbstverlag) zu 80% eingebrochen wären.

Ich finde es (subjektiv) problematisch in solchen Zeiten so etwas wie Kreativität an den Tag zu legen, da einem ja doch die täglichen Horrornachrichten im Hinterkopf herumspuken.

Wie gehst Du damit um? Was hält dich kreativ, besonders im Bezug darauf, das Du ja 2020 einen ziemlichen Output zu haben scheinst.

Gina Riot: 2020 ist für uns alle eine harte Zeit. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr habe ich mich gezielt in meine Fantasywelt begeben, die Realität Realität sein lassen und geschrieben. Wenn ich täglich die Nachrichten verfolgen würde, ging es mir psychisch um Einiges schlechter. Jetzt im 2.Lockdown fällt mir das Schreiben etwas schwerer. Ich arbeite den ganzen Tag hochkonzentriert und auch sehr kreativ und das funktioniert auch. Doch fehlt mir momentan die Ruhephase um neue Energie zu tanken. In einer normalen Zeit, gehe ich, wenn es tagsüber zu viel war, abends einfach mit Freunden in ein Pub und wir unterhalten uns bei einem kalten Bier, oder ich gehe ins Fitnessstudio, gehe raus in die Natur oÄ. Momentan fällt das alles flach, daher schreibe ich gerade nicht an Band III sondern überarbeite Band II. Mein bestes Mittel, um mich nicht ständig von den derzeitigen Maßnahmen eindrängen zu lassen, ist, mich von wütenden Facebookposts fernzuhalten. Einfach nicht lesen und mein eigenes Ding durchziehen.

Thomas Rippert: Warum gerade Fantasy? Und warum Dark Fantasy? Ließe sich mit Horror oder Thriller nicht einfacher Geld verdienen und ein vielleicht umfangreicheres Publikum finden (ich gehe hier vom Markt in Deutschland aus)?

Gina Riot: Ich schreibe ja nicht, um Geld zu verdienen. Gerade im Genre Fantasy kann man sich als kreativer Geist sehr gut entfalten. Hier kann ich meine eigene Welt kreieren, eigene Spezies schaffen, wenn ich so will, eigene Götterkulte erfinden und theologische Thesen aufstellen. Gerade bei Fantasy ist alles möglich. Dass ich nicht nur Fantasy, sondern das düstere Subgenre bediene ist meiner makabren Ader und meinem Faible für okkulte, schwarze Magie zu verschulden.

Thomas Rippert: Ich lese seit Jahrzehnten keine Fantasy mehr, habe aber in meiner Jugend alles verschlungen, was es damals gab. Howard, Moorcock, Leiber, Burroughs, Jordan selbst Tolkien und Brooks, auch wenn High Fantasy nie wirklich mein Ding gewesen ist und meine Herz definitiv für Sword & Scorcery schlägt.

Warum sollte ich „Das Zweigesicht“ lesen? Was könnte mich überzeugen, meine Haltung gegenüber der Fantasy noch einmal zu überdenken?

Gina Riot: Diener des Ordens – Band I – Das Zweigesicht ist zwar klassische High Fantasy, allerdings breche ich auch mit ein paar Dingen, die ich in diesem Genre selbst nicht sonderlich mag. In dem Buch gibt es keine Auserwählten und genauso wenig den Tölpel, der zu Beginn nichts kann und plötzlich alles beherrscht. Außerdem breche ich gezielt mit der Sicht auf Gut und Böse. Der Priester, der den Orden leitet, könnte aus einer anderen Erzählperspektive ein Antagonist sein und ich stelle es meinen Lesern frei, sich ihr Urteil selbst zu bilden. Außerdem wollte ich, nach jahrelanger Recherche über magische Riten und okkulte Magie im Allgemeinen, ein Magiesystem kreieren, das logisch nachvollziehbar ist. In Diener des Ordens findet man sowohl Bekanntes aus der Fantasywelt, wie zB das Volk der Zwerge oder klassische mittelalterliche Settings, aber auch Neues, ohne jedoch zu weit herzuholen. Auch ist Politik und Intrige immer wieder ein Thema, das ich sehr gerne in meinen Büchern unterbringe, genau wie tiefgründige Charaktere, tragische (Neben)Handlungen und Horrorelemente. Diener des Ordens ist sehr abwechslungsreich. Mal ist es mystisch, mal atmosphärisch, düster und roh und dann wieder etwas humorvoller. Wichtig ist mir bei der Charakterentwicklung auch tiefenpsychologisch vorzugehen, um sowohl glaubhafte dreidimensionale Charaktere wie auch fesselnde Dialoge zu erschaffen. So ist kein Held (und das ist ein Wort das ich verabscheue) nur „gut“ oder unfehlbar. Im Laufe der Zeit arbeite ich bei jedem Charakter seine Schwächen heraus. – Sogar bei dem weisen Obligator (Magier) Garduél!

Thomas Rippert: Das klingt alles sehr nach der „Belgariad-Saga“ von David Eddings. Was ich recht ansprechend finde, da Eddings einmal erwähnte mehr Zeit mit der Erschaffung der Begebenheiten zugebracht zu haben, als mit der Story selbst.

Es findet in deinem Fantasyreich „Wistragul“ eine gewaltige Migration statt, welche ja bereits im Klappentext erwähnt wird. Nicht nur nette Charaktere reisen dort ein, es gibt auch ein Volk aus dem Westen, die „Uzmiten“, welche „meucheln und vergewaltigen“. Hat das in irgendeiner Art und Weise Realitätsbezug, oder sollte man da vollkommen unvoreingenommen herangehen, denn es ist ja reine Fiktion?

Gina Riot: Definitiv unvoreingenommen. Es handelt sich dabei um reine Fiktion. Die Kultur Wristanguls macht vor allem die Zuwanderung diverser Völker aus, so brachten die Vahlagden und Pargatmäen ihre Künste in das Land, Mode, Malerei, Musik und vieles weitere. Aus dem Osten kamen Zwerge und Obligaten und aus dem Westen die Uszmiten. Letztere haben nicht gerade gute Absichten.

Interessant für mich war, mich in diverse Charaktere hineinzuversetzen, meine Empathie dafür zu nutzen, die komplette Gegenseite meiner eigenen Meinung anzunehmen und sie einem oder einigen Charakter(en) zu verleihen. Das heißt, in Diener des Ordens gibt es alle Arten von Meinungen. Es gibt engstirnige Patrioten, freiheitsliebende Kämpfer, niederträchtige Perverse, geisteskranke Fanatiker und gerechtigkeitsverherrlichende Krieger. Immer wieder führen bestimmte Charaktere Diskussionen, wobei ich einem Charakter, Srof, den Gedanken eingepflanzt habe, gegen das, was ich als Autor als gegeben hinstelle, also die Haupthandlung, zu protestieren. Er ist der Einzige, der den Orden in Frage stellt und den Weg, den meine Protagonisten einschlagen. Wichtig war mir dabei, realitätsnahe Szenarien zu schaffen, trotzdem ist alles erfunden.

Thomas Rippert: Würde es dich reizen, nach der Beendigung der Trilogie auch andere Genres auszuprobieren?

Gina Riot: Ideen hätte ich genug, wobei ich vorerst mal in dem Genre, und sogar in der Welt, also der Erdenwelt bleibe. Es sind Fortsetzungen und Vorgeschichten und völlig eigenständige Geschichten noch geplant. Aber vielleicht werde ich mich auch mal in andre Genres vorwagen. Thriller oder Horror würden mich bestimmt auch reizen, allerdings kann ich auch genau diese Elemente sehr gut in die Erdenwelt miteinbauen. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Thomas Rippert: Ich bin ja nun ein bekennender Dystop. Ich finde das gerade diese Unterart alles Mögliche in sich aufnimmt und miteinander verbindet: SF, Fantasy, Horror, Thriller.

Wie stehst Du zu Dystopien? Und damit meine ich nicht nur ausschließlich schlurfende Zombiehorden, sondern eher den Wegfall sämtlicher sozialer Strukturen.

Gina Riot: Ist prinzipiell eine sehr spannende Thematik. Wenn es dystopisch wird, bin ich auch ein Fan von Science Fiction. Zombies und Weltallgeschichten sind dafür wieder weniger meins. Vor allem spannend wird es, wenn auf Weiterentwicklungen heutiger sozialer Strukturen Bezug genommen wird.

Thomas Rippert: Deinen Musikgeschmack haben wir ja schon erörtert aber: Was liest C. Gina Riot?

Gina Riot: Mittlerweile sogar wieder Romane! 😀 Meine Bibliothek ist voll von historischen Sachbüchern und Biografien von großen Herrschern, Bücher über Kunstgeschichte, viele Bücher über schwarze Magie und Satanismus, Bücher über das Heidentum, viele Psychologiesachbücher und die letzten Reihen sind Beletristik. Darunter befindet sich Fantasy, Horror und Thriller.

Außerdem lese ich derzeit Bücher von SP-Kollegen. Gerade lese ich ein paar Bücher zugleich: Den ersten Band von Game of Thrones, den ersten Band der Witcher Bücher, gerade vollendet habe ich die beiden ersten Fantasy-Werke von Ivan Ertlov und als nächstes ist Inrimi von Jan-Patrick Wiezorek an der Reihe.

Thomas Rippert: Welche Autoren haben dich bisher beeinflusst und in welchem Umfang ist das geschehen?

Gina Riot: Direkt beeinflusst hat mich jetzt kein Autor für meine eigene Schriftstellerei, ich habe lediglich entschieden, was mir selbst nicht gefällt. Allerdings lese ich verschiedene Autoren, um meinen Wortschatz immer weiter auszubauen. Also in der Hinsicht hat jedes Buch einen kleinen Einfluss auf mich, aber keine großen Ausmaße.

Thomas Rippert: Nun stehst Du ja relativ am Anfang deiner Autorenlaufbahn. Und da Du ja bei BoD erscheinst, rechne ich es einfach einmal als Selbstverlag.

Wie weit würdest Du dich und dein Werk verbiegen, sollte ein großer Verlag an deiner Tür klopfen und Interesse an deinem Werk haben? Würdest Du Eingriffe in dein Schaffen akzeptieren, oder wäre dir die Unabhängigkeit einer Independent Publisherin lieber?

Gina Riot: Das ist eine wirklich interessante Frage. Für Diener des Ordens habe ich mich gezielt für Selfpublishing entschieden, da ich Grafik Design und Marketing selbst in der Hand behalten wollte und vor allem, sollte ich zu einem Verlag wechseln wollen, sollte ich schon etwas vorzuweisen haben, wie ich meine. Ich habe gerne Mitspracherecht und vor allem sind mir die Rechte an meinem Werk und den Charakteren sehr wichtig. Würde sich ein großer Publikumsverlag bei mir melden, wäre ich allerdings bereit, Kompromisse einzugehen. Aber so pauschal lässt es sich schwer sagen, inwieweit ich bereit wäre, mein Werk zu verbiegen. Diese Frage könnte ich erst beantworten, wenn ich einen Vertrag gelesen habe.

Thomas Rippert: Ich gestehe lieber Dinge aus der Underdog-Ecke zu lesen als Sachen, welche bei den großen Verlagen erscheinen. Ich finde das gerade die Underdogs meinen Interessenbereich besser abdecken, als die Big Player.

Kommen wir jetzt zum, wie ich finde, heikelsten Thema für viele Autoren: Der Kritik!

Es gibt Rezensenten (auch wieder so ein Unwort) die machen sich die Mühe sich mit dem Werk des Autors auseinanderzusetzen und versuchen konstruktive Kritik zu üben. Dann gibt es diejenigen, welche den Waschzettel kopieren und dann drei oder vier Zeilen im Stile von „War scheisse, les ich nie wieder!“ verfassen, oder man merkt der Rezension an, dass sie das Buch gar nicht gelesen haben. Zweite Art der Kritik hat sicher auch irgendwo ihre Berechtigung, auch wenn sie sich mir nicht wirklich erschließen will.

Wie gehst Du mit Kritik an sich um, wenn es dein Werk betrifft? Besonders mit zweiter Art und Weise, die ja teilweise auch schon einmal aus einer Antipathie des Rezensenten gegenüber dem Autor herrühren kann.

Gina Riot: Schwierig, für konstruktive Kritik bin ich offen, aber mit einer Bewertung wie du sie genannt hast, steht der Autor vor dem völligen Kontrollverlust. Er ist nicht in der Position, mit dem Rezensenten in kommunikativen Austausch zu treten, außer diese Kritik geht über die sozialen Medien ein. Wenn ich behaupten würde, es würde mich nicht treffen, würde ich lügen. Bisher habe ich allerdings zum Glück noch keine Kritik wie diese erhalten, was allerdings nicht bedeutet, dass es nicht noch dazu kommen kann oder wird. Da bin ich realistisch.

Thomas Rippert: Fluch und Segen des Social Media!

Nehmen wir nun einmal an, Du wärst schon ein paar Jahre gut im Geschäft und ein junger, engagierter Autor würde dich um Tipps bitten, welche würdest Du ihm geben?

Gina Riot: Nachdem ich erst vor einem Monat released habe, würde ich es mir nicht anmaßen anderen Autoren Tipps zu geben, außer sie betreffen das Thema Marketing.

Bisher kann ich also nur Erfahrungen teilen.

Thomas Rippert: Ok, wo siehst Du dich in, sagen wir einmal, 5 Jahren?

Gina Riot: Interessanterweise hab ich mir noch kein Ziel gesetzt, nachdem ich mein letztes Ziel erreicht habe.

Thomas Rippert: Und zu guter Letzt: Was möchtest Du den Lesern von LUKES MEINUNG noch mit auf den Weg geben?

Gina Riot: Wer auf düstere Mittelalter Fantasy steht, wem es Freude bereitet, wenn es so richtig blutig wird, wer es gerne magisch hat und wem es nichts ausmacht, wenn es mal so richtig makaber wird, der könnte an Diener des Ordens Gefallen finden. Wen dies abschreckt, sollte es besser nicht wagen, denn es kommt zu detaillierten Darstellungen.

Thomas Rippert: Dann möchte ich mich nochmals bei dir für die Zeit, welche Du dir genommen hast, und die aufschlussreichen Antworten bedanken, und dir alles Gute für die Zukunft und deine Karriere als Schriftstellerin wünschen!

Gina Riot: Vielen Dank auch für deine Zeit.

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